Die Schlacht von Azincourt 1415

Als sich an einem feuchten Spätherbstmorgen des 25. Oktobers im Jahr 1415 zwei zu allem entschlossene Armeen nahe des kleinen französischen Örtchens Azincourt sammelten und formierten, bestand an dem Ausgang der bevorstehenden Schlacht kaum ein Zweifel. Auf der einen Seite standen die von langen Märschen und schlechter Ernährung geschwächten sowie an Dysenterie erkrankten Soldaten des englischen Königs Heinrich V. Ihnen gegenüber, nur einen schlammigen Acker entfernt, die Crème de la Crème des französischen Adels, bestens ausgerüstet und ernährt. Am Ende des Tages sollte der schlammige Boden mit dem Blut vieler Männer getränkt sein. Wie es dazu kam und wer schließlich den Sieg davontrug, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

Zum Zeitpunkt der Schlacht von Azincourt tobte der Krieg schon 78 Jahre. Die englischen Könige hatten seit Wilhelm dem Eroberer, der England 1066 erobert hatte, auch Herrschaftsrechte in Frankreich und Lehensverpflichtungen dem König von Frankreich gegenüber. Der Ausgangspunkt für den Krieg war ein Streit um die französische Thronfolge. Nach dem Tod von Karl IV. erhob neben Philipp VI. auch Eduard III. Anspruch auf den Thron Frankreichs. Dies sollte zu einem Konflikt führen, der unzähligen Menschen das Leben kosten sollte, ohne das eine Seite eine wirkliche Entscheidung herbeiführen konnte.

Portrait Heinrichs V.

Portrait Heinrichs V.

Heinrich V. folgte in seiner Politik den Ansprüchen, die bereits seine Vorgänger formuliert hatten. Die englischen Farben waren zu dieser Zeit sogar eine Mischung aus der englischen wie der französischen Flagge. Nachdem eine politische Lösung, nämlich die Hochzeit mit der Tochter Karls VI., gescheitert war, bereitete Heinrich einen Feldzug vor. Bei der Rekrutierung seiner Armee konnte er auf das sogenannte Indenture-System zurückgreifen. Einzelne Befehlshaber samt ihrer Soldaten wurden auf der Basis eines Vertrages gegen Sold in den Dienst des Königs genommen.[1] Die Zusammensetzung der Armee ist interessant: Das Verhältnis von Men-at-Arms zu Langbogenschützen betrug laut den Musterungslisten 3:1.[2] Insgesamt brach Heinrich mit 11.248 Soldaten, Gewöhnlichen wie Adligen, nach Frankreich auf.[3]

Nach seiner Ankunft belagerte das Heer zunächst die Hafenstadt Harfleur. Es gelang den Engländern zwar, die Stadt einzunehmen, allerdings waren die Verluste enorm. Erschwerend kam hinzu, dass sich viele der Soldaten bereits zu diesem Zeitpunkt mit Dysenterie angesteckt hatten. Aufgrund der Verluste, der Krankheiten und schlechten Versorgung konnte es Heinrich V. nicht auf eine direkte Konfrontation mit der französischen Armee ankommen lassen. Stattdessen wollte er sich in das englische Calais durchschlagen. Die Franzosen waren ihm dabei ständig auf den Fersen. Schließlich verstellten sie ihm den direkten Weg nach Calais. Eine Umkehr war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Das Heer war in 12 Tagen bereits mehr als 200 Meilen weit marschiert. 9.225 Männer waren noch einigermaßen kampffähig. Die Franzosen dagegen stellten sich mit ca. 12.000 Mann zum Kampf.[4]

Die französischen Adligen waren sehr zuversichtlich, die geschwächten Soldaten der Engländer leicht schlagen zu können. Auf der anderen Seite waren sich diese ihrer misslichen Lage durchaus bewusst. Sie wussten aber auch, dass ihnen keine andere Wahl blieb, als sich nach Calais durchzuschlagen. Die Adligen konnten vielleicht hoffen, irgendwann gegen Lösegeld freizukommen. Für die einfachen Soldaten würde eine Niederlage aber mit Sicherheit Folter und Tod bedeuten.

Das Schlachtfeld war übersichtlich. Es handelte sich lediglich um den bereits erwähnten, vom nächtlichen Regen durchnässten Acker, der auf beiden Seiten von Bäumen und Unterholz begrenzt wurde. Die englischen Men-at-Arms und Ritter formierten sich zu drei Blöcken. Die Langbogenschützen waren zum Teil zwischen den Nahkämpfern postiert. Die meisten von ihnen befanden sich aber an den Flanken, am Waldrand. Um sich vor Reiterangriffen zu schützen, hatten die Soldaten angespitzte Pfähle vor sich in den Boden getrieben.  Vor dem Beginn der Schlacht wurden insgesamt drei Messen abgehalten, um Gottes Unterstützung und die der Heiligen St. Georg sowie St. Crispian und St. Crispinian zu erhalten.[5]

Das französische Heer wurde nicht von Karl VI. befehligt. Der König litt seit 1392 unter einem geistigen Leiden, das ihn in unregelmäßigen Abständen den Verstand verlieren ließ.[6] Stattdessen wurde das Kommando vom  Connétable von Frankreich, Charles I. d’Albret und dem Marschall von Frankreich, Jean II. Le Maingre, übernommen. Die Franzosen verfügten zwar über einige Armbrustschützen, allerdings wurden diese hinter den eigenen Schlachtreihen postiert. So war es ihnen praktisch kaum möglich, effektiv in den Kampf einzugreifen. Im Zentrum befanden sich abgesessene Ritter, die in mehreren Reihen vorrücken sollten. Die hochrangigsten Adligen befanden sich in der ersten Schlachtreihe. An den Flanken stellten sich je 500 schwere Reiter auf, die die Bogenschützen der Engländer niedermachen sollten.

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Heinrich V. in der Schlacht; Gemälde von 1915

Der Schlachtverlauf ist in den Quellen von Augenzeugen gut dokumentiert. Eröffnet wurde die Schlacht von den Langbogenschützen. Es folgte der Angriff der französischen Reiter. Dieser führte allerdings nicht zum Erfolg. Sie gerieten zunächst in den Pfeilhagel der Engländer. Insbesondere die Pferde waren hierfür verwundbar. In der dichten Formation war es unmöglich, stürzenden Reitern auszuweichen. Diejenigen, die die Reihen der Bogenschützen erreichten, wurden von den Pfählen aufgehalten und von den durchaus zum Nahkampf fähigen Schützen niedergemacht. Die in der Mitte marschierenden Truppen der Franzosen gerieten nun ins Kreuzfeuer. Von allen Seiten prasselte der Pfeilhagel auf die Kämpfer ein. Die Adligen waren zwar mit den besten Rüstungen ihrer Zeit ausgestattet, aber auch diese boten nur einen begrenzten Schutz. Dazu kam, dass selbst ein abgewehrter Pfeil mit einer beachtlichen Wucht auf die Rüstung traf und diese auf den Körper übertrug. Zu allem Überfluss mussten die Franzosen durch beinahe kniehohen Schlamm waten und über die Gefallenen steigen. Am Ende dieses beschwerlichen Weges warteten die englischen Nahkämpfer. Nach dem ersten Aufprall und den daraus resultierenden Toten wurde der Kampf immer heftiger und schwieriger. Nach und nach fielen immer mehr Männer und bildeten ein zusätzliches Hindernis für die Angreifer. Nachdem die Langbogenschützen ihre Pfeile verschossen hatten, griffen sie zu ihren Schwertern, Hämmern und Äxten und griffen die Flanken der Franzosen an. Nach und nach wurde die zahlenmäßig überlegene französische Armee so in die Defensive gedrängt, bis sich die Kämpfer schließlich ergaben oder zur Flucht wandten. Im Schlachtverlauf wurden mehrere Gefangene gemacht. Einige von ihnen wurden getötet, nachdem der englische Tross von einigen Franzosen angegriffen wurde. Nach Aussage des englischen Chronisten hätte sonst die Gefahr bestanden, dass die Gefangenen wieder in den Kampf eingreifen.[7]

Das Ergebnis der Schlacht war für Frankreich katastrophal. Viele der einflussreichsten Adligen waren gefallen, darunter auch einer der Befehlshaber der Armee, Charles d’Albret. Heinrich V. stand der Weg nach Paris offen. Es ist anzunehmen, dass er aufgrund des schlechten Zustandes seiner Armee und der nicht vorhandenen Nachschubwege davon absah, eine Belagerung der Stadt zu riskieren. Stattdessen marschierte er mit seinen Truppen nach Calais und kehrte nach England zurück.

Die Schlacht von Azincourt ist ein gutes Beispiel dafür, dass nicht immer die Größe einer Armee über den Ausgang einer Schlacht entschied. Dieser Fakt war auch im Mittelalter durchaus bekannt. Dennoch verließen sich die Franzosen auf ihre Zahl. Es ist sicher nicht falsch, ihnen eine gewisse Überheblichkeit zuzuschreiben. Dieser Eindruck wird noch durch ihr ungestümes Vorgehen verstärkt, obwohl sie doch alle Trümpfe in der Hand hielten. Das adlige Selbstverständnis trug ebenfalls dazu bei, dass viele der wichtigsten Männer des Landes an diesem Tag den Tod fanden. Sie unterschätzten insbesondere die Langbogenschützen, die nicht dem Adelsstand angehörten. Diese aber waren Elitesoldaten, die es im Kampf durchaus mit ihnen aufnehmen konnten. Die Kombination aus englischen Adligen , die Seite an Seite mit den Schützen kämpften, führte schließlich zum Erfolg.

Für Heinrich war der Sieg ein dringend benötigter Erfolg, der propagandistisch entsprechend ausgenutzt wurde. Dies war zwingend notwendig. Der König musste den noch wackligen Herrschaftsanspruch der Familie Lancaster festigen. Sein eigentliches Ziel, die Herrschaft über Frankreich, konnte er nicht erreichen. Durch diesen so unwahrscheinlichen Sieg konnte Heinrich V. aber eindeutig belegen, dass Gott auf seiner Seite stand. Dass folgende Agincourt-Carol wurde eigens für den triumphalen Einzug des Königs in London geschrieben:

Agincourtcarol

[1] Vgl. Curry, Anne (1994). S. 41-42.

[2] Vgl. Ebd. S. 45.

[3] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 76.

[4] Vgl. Ebd. S. 228-233.

[5] Vgl. Curry, Anne (2010). S. 236.

[6] Vgl. Müller, Heribert (1996). S. 303.

[7] Vgl. Gesta Henrici Quinti. Kapitel 12/13.

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Quelle:

Gesta Henrici Quinti. The Deeds of Henry the Fith. Über. Und Bearb. von Frank Taylor, John S. Roskell. (Oxford Medieval Texts). London, 1975.

Literatur:

Curry, Anne: Agincourt. A New History. The Mill (u.a.), 2010.

Curry, Anne: English Armies in the Fifteenth Century. In: Arms, Armies and Fortifications in the Hundred Years War. Woodbidge, 1994. S. 40-45.

Müller, Heribert: Karl VI. (1380-1422). In: Joachim Ehlers, Heribert Müller, Bernd Schneidmüller (Hrsg.):Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. München, 1996. S. 303-320.

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3 Kommentare zu “Die Schlacht von Azincourt 1415

  1. Sabine sagt:

    Ein toller Beitrag, bei dem man sich mitten in die Schlacht versetzt fühlt. Sie ist sehr anschaulich dargestellt und man bekommt zudem Einblick in die Hintergründe für diese Schlacht und die Denkweisen der Soldaten. Vor allem das Lied am Ende des Beitrags rundet das Ganze perfekt ab!Glückwunsch zu diesem tollen Beitrag und danke für die Info zu diesem Teil des Mittelalters (zum Glück ohne Fachchinesisch!!)

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  2. Steve Wenzel sagt:

    Eine hervorragende Website in deutscher Sprache, zu diesem sehr wichtigen und entscheidenden Kampf der 100 Jahre Krieg! Ich bin auch überrascht, dass eine Website in Deutscher Sprache zu diesem Thema. Ich lebe in den USA.

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  3. Gunnar Ranson sagt:

    Super Seite und sehr Informativ für Mittelalterinteressierte . Hier habe ich endlich gefunden wanach ich gesucht habe .

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