Die Bedeutung der Emotionen in der Geschichte

Wir alle wissen, welchen hohen Stellenwert die Bewertung von Ereignissen, Menschen und vielen anderen Aspekten im alltäglichen Leben einnimmt. Was wir dabei häufig aus den Augen verlieren ist, dass diese Bewertungen sehr stark von dem abhängen, was wir in der Kindheit gelernt haben – sei es durch Eltern, Erzieher, Lehrer und unsere Mitmenschen. In diesem kurzen Artikel soll es darum gehen, was diese Tatsache für die Geschichte und ihre Wahrnehmung bedeutet.

Wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen haben wir mehrere Möglichkeiten, Erkenntnisse darüber zu gewinnen. Das Studium von Quellen ist hierbei die wichtigste Herangehensweise. Erhaltene Schriftstücke und archäologische Fundstücke stellen hierbei die bedeutendsten Quellenarten dar.  Liegt ein Ereignis noch nicht zu lange in der Vergangenheit, sind  meist Zeitzeugen verfügbar. Dieses Glück haben Historiker, die sich mit der Antike oder dem Mittelalter beschäftigen, selbstredend nicht.

Bereits bei der Befragung von Zeitzeugen ist allerdings eine vorsichtige Herangehensweise zu empfehlen. Menschen tendieren generell dazu, die eigene Vergangenheit im Nachhinein positiver zu sehen, als sie es tatsächlich war – jeder kennt das Märchen von der guten, alten Zeit. Das trifft noch mehr auf das Selbstbild zu. Auch hatten die Zeitzeugen in den meisten Fällen keinen Überblick über das große Ganze, sondern lediglich über einen sehr begrenzten Bereich. Daher ist es wichtig, ihre Aussagen immer im Zusammenhang mit anderen Äußerungen, schriftlichen Quellen und materiellen Hinterlassenschaften zu sehen und zu bewerten.

Desto weiter die untersuchte Epoche zeitlich zurück liegt, desto schwieriger kann es werden, die Geschehnisse und die Menschen der Zeit zu verstehen. In der Geschichtswissenschaft wird aus diesem Grund stets streng an den Quellen gearbeitet, Spekulationen oder gar Aussagen zu den Gefühlen der Menschen sind in der Regel kein Bestandteil der wissenschaftlichen Literatur. Denn hierzu kann zunächst einmal nur dann eine Aussage getroffen werden, wenn ein Autor die emotionalen Äußerungen schriftlich festgehalten hatte. Wie fühlte sich Karl der Große, als er zum Kaiser gekrönt wurde? Was empfand Heinrich IV., als er den Gang nach Canossa antrat?

Selbst wenn Gefühlsäußerungen schriftlich festgehalten wurden, muss dies nicht zwangsläufig bedeuten, dass hier die wahren Gefühle zutage traten. Das Mittelalter war eine Zeit, in der symbolische Handlungen von zentraler Bedeutung waren. Dazu gehörte beispielsweise das Vergießen von Tränen. Diese Gesten finden sich zum Teil auch noch in der modernen Politik. Würden Sie von dem Verhalten eines Politikers während einer Rede auf seine wahren, innersten Gefühle schließen wollen?

Noch schwieriger ist die Bewertung der Emotionen der normalen Bevölkerung. Umso mehr, da diese auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert erscheinen mag. Wir gehen oft automatisch von einer bestimmten emotionalen Reaktion aus, wenn wir an ein bestimmtes Ereignis denken. Ein Mensch wird getötet, seine Mitmenschen werden geschockt und traurig reagieren. Eine Hungersnot droht, Verzweiflung und Angst werden die Menschen im Griff haben. Was hier wirklich passiert ist, dass wir unseren persönlichen Filter über die historischen Ereignisse legen.

Aufschlussreich für die Eindrücke der einfachen Menschen sind bestimmte Chroniken des Spätmittelalters. Christian Wierstraet[1] geht in seiner „Dye hystorij des beleegs van Nuys“ explizit auf die emotionalen Belastungen ein, denen die belagerten Neusser während der Verteidigung gegen das Heer Karls des Kühnen 1474/75 ausgesetzt sind. Doch auch wenn wir dort lesen, wie stark diese Eindrücke auf die Menschen gewirkt haben – wirklich vorstellen und genau nachfühlen können wir diese nicht.

Noch aufschlussreicher sind die privaten Briefe, die sich aus dem späten Mittelalter erhalten haben. Die Korrespondenzen von Adligen lassen sich teilweise sehr gut rekonstruieren und bieten einen erstaunlich privaten Einblick in die Welt des Adels im Spätmittelalter.

Jeder Mensch nimmt die gleiche Umwelt unterschiedlich war, auch wenn es bei einigen grundlegenden Emotionen Parallelen gibt. Dieses Prinzip gilt nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch für diejenigen, die in anderen Epochen lebten. Dazu kommt, dass sich Wertesysteme stets unterscheiden können. Doch sollten diese Themen ausgeklammert werden, wo es doch so schwierig ist, sich ihnen wissenschaftlich zu nähern?

Meiner Meinung nach wäre es eine gute Idee, dies nicht zu tun. Wie beschrieben gibt es durchaus Aufzeichnungen, die sich auf Gefühle von Menschen beziehen. Auch wenn man bei der Auswertung und Bewertung sehr vorsichtig vorgehen sollte, können diese ausgesprochen bereichernd wirken. Schließlich geht es in der Geschichte immer um die Menschen. Das große Interesse an historischen Romanen belegt eindrücklich, dass heute ein großes Bedürfnis nach einer emotionalen Beschäftigung mit der Geschichte besteht. Im Reenactment wird versucht, historische Ereignisse möglichst akkurat nachzustellen und die jeweilige Epoche für eine kurze Zeit  lebendig werden zu lassen. Dabei kennen sich die Darsteller inzwischen weit besser in den praktischen Dingen der jeweiligen Epoche aus, als es die Historiker tun würden. Serien und Filme mit geschichtlichem Hintergrund erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Zugang zum Publikum gibt es hier meist über die Emotionen. Ein Ausklammern derselben ist in der reinen Geschichtswissenschaft sehr gut möglich und häufig notwendig, für das Erreichen eines gewissen Publikums aber sehr kontraproduktiv. Es wäre meiner Meinung nach für alle Seiten von Vorteil, beides besser in Einklang zu bringen.

 

[1] Stadtschreiber der Stadt Neuss 1466-1475.

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