Die Fahrten der Wikinger im frühen Mittelalter in das Frankenreich und nach England – Raubzüge, Invasionen oder Entdeckungsfahrten?

Als 793 n.Chr. ein skandinavisches Langschiff vor der englischen Insel Lindisfarne scheinbar aus dem Nichts auftauchte und seine Mannschaft das dort errichtete Kloster plünderte sowie seine Mönche tötete oder versklavte war für die Menschen nicht absehbar, welches Ausmaß die weiteren Kontakte mit den Nordmännern noch annehmen sollte. Die Geschichte dieser Fahrten ist wohlbekannt. Die englischen Königreiche und das Frankenreich sollten die ersten Staatengebilde sein, die mit immer stärker werdenden Angriffen der Wikinger zu kämpfen hatten. Letzten Endes sollten ihre Langschiffe die Männer und Frauen aus dem hohen Norden bis weit nach Osten, Westen und Süden führen. Die Normandie, England, Sizilien, Byzanz, Kiew, Island, Irland, Grönland und sogar Neufundland – überall lassen sich Hinterlassenschaften der Wikinger finden. Doch um was ging es den Skandinaviern in erster Linie? Gold, Sklaven, Land oder das Entdecken neuer Handelswege – was war ihr Hauptmotiv für ihre durchaus riskanten Unternehmungen? Um diese Frage zu beantworten, soll in diesem Artikel der Schwerpunkt auf England und das Frankenreich gelegt werden. Beide Gebiete hatten besonders schwer unter den Einfällen der Wikinger zu leiden.

Interessanterweise war der Überfall auf das Kloster auf Lindisfarne nicht der erste Kontakt der Engländer mit den Wikingern. Laut den Chronisten des 9. Jahrhunderts erreichten drei Schiffe mit Nordleuten die Küste von Portland irgendwann zur Zeit des Königs Beorthric (786-802) als erstes England. Schon dieser Kontakt sei nicht friedlich verlaufen. Der ansässige Vogt habe mit ihnen handeln wollen, sie aber haben ihn getötet und die Siedlung geplündert.[1] Von diesen plündernden Verbänden sind der Forschung ca. 790 bekannt, die sich allerdings nicht alle in Richtung England aufmachten und unabhängig voneinander operierten. Sie konnten sich allerdings zweitweise zusammentun, um größere Ziele angreifen zu können.[2] Die Wikinger verbündeten sich bei Gelegenheit auch mit anderen Völkern und waren in der Lage, große Armeen ins Feld zu führen. So musste sich der westsächsische König Egbert 838 in der Schlacht bei Hingston Down in Cornwall einer Armee aus Wikingern und Kelten erwehren. Im Jahr 851 griff ein Verband aus 350 Schiffen erfolgreich Canterbury und London an.[3]

In den Jahren 865/66 überwinterte ein wohl noch größeres Wikingerheer in Ost-Anglia. Es setzte sich aus den Mitgliedern verschiedener Schiffsbesatzungen sowie mehreren Earls mit ihren Gefolgschaften zusammen. Dieses Heer hielt mehrere Jahre zusammen. Die Forschung geht von einer Größe von 2-3000 Mann aus. Auch die Anführer sind bekannt: Ivar der Knochenlose und Halfdan, beides Söhne des Ragnar Lodbrok. Nachdem sie eine Zeit lang durch England gezogen und Tribute erpresst hatten, eroberten sie 870 das komplette Ost-Anglia. In den eroberten Gebieten kam es bald zur Gründung von Siedlungen.[4]

Beispiel einer Wikingersiedlung

Beispiel einer Wikingersiedlung

Ernsthafte Gegenwehr erfolgte erst durch König Alfred von Wessex. Unter ihm gelang es englischen Truppen, die Dänen zurückzudrängen. Mit König Guttrom wurde die Grenzen zwischen den englischen Gebieten und dem Danelag offiziell festgelegt.[5] Damit war dem erneuten Auftauchen von Schiffen aus Skandinavien allerdings keineswegs ein Riegel vorgeschoben.[6] Noch im 10. und frühen 11. Jahrhundert kam es immer wieder zu Überfällen. 990/91 wurden Friedensverhandlungen mit der Normandie aufgenommen, von wo aus Normannen Plünderungen starteten. Noch im gleichen Jahr erschien eine riesige Wikingerflotte bei Folkstone, bestehend aus ca. 3.000 Mann auf 90 Schiffen. Dieses Heer blieb mehrere Jahre in England, besiegte eine englische Armee bei Malden und erzwang Tribut. 993 wurde Northumbria verwüstet, bis 1004 wurden immer wieder verschiedene Städte und Landesteile angegriffen. Erst die Hungersnot von 1005 sollte die Wikinger dazu bringen, nach Dänemark zurückzukehren. Doch bereits 1006 erreichte eine weitere Flotte die englischen Inseln, die man erst 1012 nach erheblichen Tributzahlungen wieder loswurde. [7] Ruhe hatten die gebeutelten Engländer damit immer noch nicht. 1013 begann der dänische König Sven Gabelbart mit einer Invasion. Tatsächlich gelang es ihm, König Aethelred ins Exil zu treiben. Gabelbart starb 1014, sein Sohn Knut folgte ihm nach. Aethelred gelang es zunächst, ihn zu vertreiben. Knut kehrte allerdings mit einer Flotte zurück und landete bei Sandwich. Nach dem Tod Aethelreds übernahm Edmund Ironside die Organisation der Verteidigung. Knut siegte letzten Endes und wurde als König anerkannt.[8]

König Alfred der Große

König Alfred der Große

Ungefähr zur selben Zeit wie England hatte auch das Frankenreich mit Wikingereinfällen zu kämpfen. Obwohl das Frankenreich keine Insel war, so war es dennoch zu einem nicht geringen Teil vom Meer umgeben. Zudem war es von gut schiffbaren Flüssen durchzogen. Perfekte Bedingungen für die Wikinger. Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ausgerechnet das so mächtige Frankenreich es lange Zeit nicht vermochte, die Krieger aus dem Norden in die Schranken zu weisen. Allerdings war nach dem Tod Königs Ludwig im Juni 840 der Kampf um seinen Thron entbrannt. Seine Söhne Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche und Lothar sowie deren Neffe Pippin II. stritten um das Erbe. Lothar heuerte gar Wikinger an. Im Gegenzug für Siedlungsrecht sollten sie ihm im Kampf beistehen.[9]

Die Wikinger bemerkten schnell, dass das Frankenreich voller reicher, aber ungeschützter Stätten war. Quentowik, Rouen, das Kloster von Saint-Wandrille und Nantes wurden geplündert, zahlreiche Tribute und Lösegelder erpresst.[10] Die Raubzüge waren nicht alleine auf das Frankenreich beschränkt. 844 segelten die Wikinger weit nach Süden und griffen al-Andalus und Galicien an. Auch der marokkanische Kleinstaat Nakur wurde überfallen und die Frauen des dortigen Hofes als Geiseln genommen.[11]

Wikinger

Ähnlich wie in England begannen die Wikinger bald damit, in den Gebieten zu überwintern, in denen sie zuvor geplündert hatten. Es entstanden Stützpunkte, von denen aus weitere Raubzüge unternommen werden konnten. Wie bereits erwähnt nutzten sie die zahlreichen Wasserwege, um auch weit entfernte Ziele anzusteuern. Durch die Stützpunkte war es außerdem möglich, nach und nach größere Heere zusammenzuziehen und dementsprechend schwierigere Ziele anzugreifen. Die Belagerung von Paris 885/86 legt hiervon Zeugnis ab.

Im 10. Jahrhundert begann sich schließlich effektiver Widerstand zu organisieren. König Karl schaffte es zum einen, innerhalb des fränkischen Adels einen gemeinsamen Widerstand zu organisieren. Zum anderen warb er immer wieder Wikingerkontingente an und spielte einzelne Gruppen gegeneinander aus. Die Siedlungspolitik spielte hier eine weitere zentrale Rolle. Bedeutenden Anführern und ihrer Gefolgschaft wurden reizvolle Gebiete und Titel versprochen, wenn sie im Gegenzug die Sicherheit garantierten, nicht mehr plünderten, zum Christentum konvertierten und dem König der Franken die Treue schworen. Da das Plündern inzwischen sehr viel riskanter war als es zu Beginn der Wikingereinfälle gewesen war, gingen viele Anführer auf diese Angebote ein. So entstand beispielsweise die Normandie.[12] Hier hatten schon früher Normannen ihre Stützpunkte aufgeschlagen. Nun gliederte man sie in das Frankenreich ein und machte so Feinde zu Verbündeten und schließlich zu Vasallen.

Am Beispiel der englischen Königreiche und des Frankenreichs wird deutlich, dass die Wikinger zunächst von den leicht zu erobernden Reichtümern beider Gebiete angelockt wurden. Dazu zählten bei weitem nicht nur die Klöster und Kirchen. Auch die Gefangennahme bedeutender Personen oder deren Angehörigen konnte nicht unerhebliche Lösegelder bedeuten. Tribute, um Frieden zu erkaufen, konnten ebenfalls schnell und relativ leicht erpresst werden. Darüber hinaus stellte die Versklavung gefangener Feinde einen wichtigen Punkt dar. Diese Menschen wurden insbesondere in Skandinavien und schließlich im Osten Europas verkauft. Dementsprechend waren Siedlungsgebiete und Handelswege von großer Bedeutung.

Die Wikinger kamen aus Ländern, in denen es weder viele Rohstoffe noch große Flächen urbares Land gab. Gleichzeitig hatten sie Seefahrt und Kriegführung perfektioniert. Kombiniert mit harten Lebensbedingungen und einer Religion, die den Kampf und insbesondere den Tod darin als positiv darstellte, hatten es Franken und Engländer mit äußerst gefährlichen und skrupellosen Gegnern zu tun, die sich aber auch als Söldner anwerben ließen. Gleichzeitig waren die Wikinger gute Bauern und Händler, die auf der Suche nach neuem Land waren. Ihnen müssen die von ihnen durchquerten, fruchtbaren Landstriche paradiesisch erschienen sein. Aus diesem Grund waren sie sicherlich auch bereit, entsprechend verlockende Angebote der westlichen Herrscher anzunehmen.

Bezüglich der Religion scheint es von Seiten der Wikinger keine besonderen Vorurteile gegeben zu haben. Während die Christen sie als Strafe und Sendboten des Teufels wahrnahmen, waren sie vor allem erfreut über die relativ ungeschützten Kirchenschätze. Gleichzeitig griffen sie jüdische und islamische Gebiete an. Es ging ihnen ums Geld, nicht um religiöse Debatten oder gar Missionierung. Skrupel im Umgang mit Gläubigen und Geistlichen hatten sie dementsprechend nicht. Sie waren lediglich sichere Quellen des Reichtums.

Erst, nachdem die Menschen in den betroffenen Gebieten gelernt hatten sich gegen Überfälle und Angriffe koordiniert und gemeinsam zu verteidigen sowie reizvolle Ziele besser zu befestigen, wurden die Raubzüge nach und nach immer weniger rentabel und vor allem zu riskant. So ging das Wikingerzeitalter nach und nach seinem Ende entgegen. Die hohe Flexibilität und zahlreichen Fähigkeiten der Nordmänner und -frauen führte aber dazu, dass die Skandinavier weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten.

 

 

[1] Vgl. Keynes, Simon (2001). S. 60.

[2] Vgl. Ebd. S. 61.

[3] Vgl. Ebd. S. 62.

[4] Vgl. Ebd. S. 65.

[5] Vgl. Ebd. S. 66-67.

[6] Vgl. Ebd. S: 71.

[7] Vgl. Ebd. S. 83-85.

[8] Vgl. Ebd. S. 85-86.

[9] Vgl. Nelson, Janet L. S. 35.

[10] Vgl. Ebd. S. 36.

[11] Vgl. Ebd. S. 39.

[12] Vgl. End. S. 40-41.

Literatur:

Keynes, Simon. Die Wikinger in England (um 790-1016). In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 58-92.

Nelson, Janet L. Das Frankenreich. In: Peter Sawyer (Hrsg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 29-57.

 

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3 Kommentare zu “Die Fahrten der Wikinger im frühen Mittelalter in das Frankenreich und nach England – Raubzüge, Invasionen oder Entdeckungsfahrten?

  1. Marvin sagt:

    Interessanter Artikel. Ich hätte nicht gedacht, das die Vikinger damals schon so große Heere aufstellen konnten. Oder das sie eine Flotte aus 90 Schiffen hatten. Das war für damals, logistisch bestimmt eine Meisterleistung.

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    • Daniel Ossenkop , B.A. sagt:

      Hallo Marvin,

      vielen Dank! Das war in vielerlei Hinsicht eine Meisterleistung, insbesondere für das frühe Mittelalter. Allerdings hatten die Völker aus dem Norden in dieser Art der Kriegführung eine Tradition, die bis in die Bronzezeit zurück reichte. Vieles über die Wikinger liegt noch im Dunkeln der Geschichte, daher man kann wohl durchaus noch mit einigen Überraschungen in diesem Bereich rechnen.

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  2. Jonathan sagt:

    Hi Daniel,
    lustig wir haben über ganz ähnliche Themenbereiche geschrieben. Werd mir mal deine Wikinger-Artikel genauer anschauen, hab auch ein paar geschrieben. Hier ist einer:
    http://jbshistoryblog.de/2010/11/alfred-gegen-die-wikinger-teil-i/

    Ich werde Dich auf meinem Blog mal verlinken, würde mich auch über eine Verlinkung auf Deinem Blog freuen.

    Beste Grüße
    Jonathan

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