Hexenverfolgung – wirklich ein Phänomen des Mittelalters?

Wohl kaum ein Mythos über das Mittelalter hält sich so hartnäckig wie die Hexenverfolgung. Viele Menschen scheinen die erschreckenden Hexenpaniken und die damit verbundene Folter und Hinrichtungen in den Flammen des Scheiterhaufens zeitlich in das Mittelalter einzuordnen. Ob dies wirklich zutrifft und um was es bei den Hexenverfolgungen eigentlich ging, soll in diesem Artikel dargestellt werden.

Tatsächlich begann die Hexenverfolgung auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches erst am Ende des Mittelalters, im späten 15. Jahrhundert. Ihren Höhepunkt erreichte sie aber  erst in der Epoche des Barocks. Die letzten Hexen wurden noch im 18. Jahrhundert verfolgt.[1] Auffällig ist, dass in den deutschen Gebieten weltweit mit Abstand die meisten Menschen den Hexereiprozessen zum Opfer fielen. Dabei waren nicht nur Frauen betroffen, auch wenn sie deutlich in der Mehrheit waren.[2]

Besonders in der Epoche des Barock war der Aberglaube innerhalb der Gemeinden sehr stark. Man glaubte nicht nur vage an bestimmte Leitsätze – man war davon überzeugt, dass mitten unter den Menschen der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Hölle ausgetragen wurde.[3] Bestärkt wurde die allgemeine Angst durch die Wirren der Reformation und später der Gegenreformation und die damit einhergehenden Kriege. Insbesondere der Dreißigjährige Krieg sollte dazu führen, dass ganze Landstriche entvölkert wurden.[4] Kein Wunder also, dass die existenziellen Ängste der Menschen wuchsen und nach Mitteln und Wegen gesucht wurden, mit ihnen umzugehen.

Hexendarstellung bei Albrecht Dürer, um 1500

Darstellung einer alten Hexe bei Albrecht Dürer, um 1500

Passend dazu entwickelten sich dann auch die grundsätzlichen Vorwürfe, die den Hexen und Hexern gemacht wurden. Immer ging es darum, dass Kinder verhext und getötet worden seien, die Fruchtbarkeit von jungen Frauen und Männern angegriffen werde und Vieh und Ernten durch die Hexen bedroht werden.[5] Dies beschreibt in seiner Gesamtheit die Hauptsorgen, die die Menschen der Zeit umtrieben. Immer ging es darum, dass die gegenwärtige Existenz und/oder der Fortbestand der Familie bedroht waren.

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Titelseite des Hexenhammers, Lyon 1669

Die Hexenjäger waren dann auch mehr als einfache Verrückte, die ziellos vor sich hin morden und foltern ließen. Mit dieser Darstellung würde man die Komplexität der Hexenverfolgungen bei weitem nicht gerecht werden.  Zunächst einmal lassen die Werke dieser Jäger darauf schließen, dass sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen. So entwickelten sie durchdachte Verhör- und Untersuchungsmethoden, um den potentiellen Hexen auf die Schliche zu kommen.[6] Auch hatten die Verhörenden und Richter durchaus Angst vor den Kräften des durch die Hexe wirkenden Teufels. Das von Heinrich Kramer herausgegebene „Malleus Maleficarum“(besser bekannt als „Hexenhammer“) enthält beispielsweise mehrere Hinweise, wie sich die Richter vor Schadenszauber schützen können. So sollte die Hexe zum Beispiel mit dem Rücken zuerst in den Gerichtssaal geführt oder bestimmte Kräuter am Körper getragen werden.[7]

Interessant ist, dass sich nicht alle Angeklagten auf Dauer den Vorwürfen widersetzten. Auch sie waren Teil der Glaubenswelt der Zeit, die fest von der Wirklichkeit des Teufels und seiner Dämonen ausging. Sie fürchteten um ihre Seele und die ihrer Angehörigen, wenn sie in Verdacht standen, mit dem Teufel zu paktieren. [8] So gab es also durchaus die Vorstellung, der Hexe durch ein unter Folter erpresstes Geständnis und der anschließenden Verbrennung einen Gefallen zu tun – immerhin rettete man so ihre Seele, die ansonsten in der Hölle hätte leiden müssen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Hexenverfolgung für einige Hexenjäger ein Karrieresprungbrett und deren Motivation bei weitem nicht so edel war, wie sie es oft vorgaben.[9] Wichtig zu beachten ist, dass die hier behandelten Verfolgungen nicht durch die Kirche eingeleitet wurden, auch wenn der Glauben eine zentrale Rolle spielte.. Es handelte sich um die weltlichen Obrigkeiten, die mit den Ermittlungen begannen, die Verdächtigen folterten und schließlich hinrichten ließen.

Die Fantasie, die sich im Laufe des mehrere Tage andauernden Verhöres bei den Angeklagten und den Verhörenden entwickelte, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Insbesondere die Tatsache, dass die Angeklagten zum großen Teil irgendwann selbst fest daran glaubten und umfangreiche Geständnisse ablegten. Durch die regelmäßige Folter und das ständige Wiederholen von Anschuldigungen schien es dazu zu kommen, dass sich im Zusammenspiel zwischen beiden Parteien die besagten Geschichten entwickelten.[10] Ein zentraler Bestandteil der Vorwürfe war der Kannibalismus. Angeblich sollten Hexen Kinderleichen vom Friedhof stehlen, im diese zu Kochen und anschließend zu verspeisen oder Hexensalbe aus ihnen herzustellen. Zusätzlich sollten sie Geschlechtsverkehr mit dem Teufel haben und am Hexensabbat teilnehmen. Auch warf man ihnen vor, mit Hilfe von sogenannter Hexensalbe Menschen und Tiere zu töten. Besonders gefährdet waren Hebammen. Vielen wurde zur Last gelegt, dass sie Mutter und/oder Kind Tod oder Krankheiten brachten. Hier sollte vor allem Neid eine Rolle spielen.[11]

Einen besonderen Schwerpunkt bei der Verfolgung legte man auf alte Frauen, insbesondere, wenn diese unverheiratet und kinderlos waren. Man ging häufig davon aus, dass diese neidisch auf die Fruchtbarkeit der jüngeren Frauen seien. Auch sagte man ihnen Lüsternheit und die Sehnsucht nach jungen Männern nach, die sie zu verführen trachteten. In bildlichen Darstellungen sind sie häufig nackt, mit hängenden Brüsten und wehendem Haar (einem Symbol der Unzucht) dargestellt. Sie sollten auf Besen oder auf Ziegen reiten. Das Reiten auf dem Stab eines Besens oder der Ziege, einem als unzüchtig angesehenen Tier, sind eindeutig sexuelle Motive (siehe auch Abb.1).[12]

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Hexentanzplatz, Flugblatt von 1594

Besonders erschreckend ist, dass auch vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt gemacht wurde. Diese wurden zum großen Teil sogar von den eigenen Eltern vor Gericht gebracht. Man ging davon aus, dass sie von alten Frauen zur Hexerei verführt worden waren und nun durch Schadenszauber versuchten, ihre Eltern zu verfluchen. Sie benahmen sich aufsässig, spielten Streiche und beschrieben sexuelle Fantasien. Insbesondere die Masturbation stand dabei im Mittelpunkt des Interesses. Anscheinend waren die Eltern mit dem Verhalten ihrer Kinder überfordert und hatten große Angst, dass sich in ihnen eine böse Macht befand. Dass sie oft mir Prügelstrafen reagierten, machte die Angelegenheit mit Sicherheit nicht einfacher. Diese Geschichte fand keineswegs im Mittelalter statt, sondern im 18. Jahrhundert. Hingerichtet wurden die Kinder immerhin nicht, sondern geprügelt und wieder ihren Eltern übergeben, damit diese sie gottgefällig erziehen konnten.[13]

Darstellung einer Hexe um 1700

Darstellung einer Hexe um 1700

Ein Ende fanden die Hexenverfolgungen erst mit der aufkommenden Aufklärung und der damit einhergehenden Bekämpfung des Aberglaubens. Man ging nun dazu über, Dinge zu hinterfragen und logische Beweise zu fordern. Auch wenn sich viele Denkweisen noch lange halten sollten und dies teilweise bis heute tun, wurde den Hexenpaniken nun ein Riegel vorgeschoben.

Bei den Hexenverfolgungen handelte es sich demnach nicht um ein mittelalterliches Phänomen. Vielmehr bildeten die Glaubenskriege des 16. – 17. Jahrhunderts im Zusammenspiel mit der Glaubenswelt des Barock die Basis für die grauenvollen Hexenpaniken, die Tausenden das Leben kosten sollten. Ihre Ursprünge können durchaus im Mittelalter gesucht werden. Die Glaubenswelt und die verwendeten Praktiken bei Gericht waren keine vollkommen neue Erfindung des Barocks, sondern hatten sie im Laufe des Mittelalters langsam entwickelt. Insbesondere die Inquisition, ursprünglich von der Kirche zur Überzeugung von Ketzern entwickelt, zeigte bereits Eigenschaften, die auch in den Hexenverfolgungen zu Tage traten. Auch die Angst vor dem Teufel lässt sich in großem Maße bereits im Mittelalter finden. Wie aber bereits erwähnt, war es zur Zeit der Hexenpaniken nicht die Kirche, die den Verdachtsfällen nachging, sondern die weltlichen Machthaber der jeweiligen Gemeinde. Es sollte daher davon abgesehen werden, die mittelalterliche Inquisition und die Hexenverfolgungen nach Ende des Mittelalters gleichzusetzen.

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

Luis Ricardo Falero 1880: Die Hexe auf dem Sabbath

 

[1] Vgl. Roper, Lyndal (2007). S. 33.

[2] Vgl. Ebd. S. 34.

[3] Vgl. Ebd. S. 37.

[4] Vgl. Ebd. S. 33.

[5] Vgl. Ebd. S. 34 ff.

[6] Vgl. Ebd. S. 39 ff.

[7] Vgl. Ebd. S. 39-40.

[8] Vgl. Ebd. S. 41.

[9] Vgl. Ebd. S. 42 ff.

[10] Vgl. Ebd. S. 70 ff.

[11] Vgl. Ebd. S. 103-148.

[12] Vgl. Ebd. S. 220 ff.

[13] Vgl. Ebd. S. 278 ff.

 

Literatur:

Roper, Lyndal. Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung. München, 2007.

 

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Ein Kommentar zu “Hexenverfolgung – wirklich ein Phänomen des Mittelalters?

  1. Christian sagt:

    Es ist erschreckend zu was der Mensch alles fähig ist, wenn er von etwas überzeugt ist, daran hat sich leiter bis heute nichts geändert.

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