Der gerichtliche Zweikampf im Mittelalter

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Ein sehr bekanntes mittelalterliches Motiv stellen die Gottesurteile dar, insbesondere der gerichtliche Zweikampf. Dabei handelt es sich hierbei keineswegs um eine Erfindung des Mittelalters. Gottesurteile gab es bereits in der Antike und dort in verschiedenen Kulturen. Auch bei Völkern Mittel- und Südamerikas gab es die Vorstellung, dass man durch Wettkämpfe den Willen der Götter ablesen könnte.

Man kann daraus schließen, dass diese Methode nicht allein durch Überlieferung und Tradition zu Stande kam. Vielmehr lohnt ein Blick auf die religiösen Vorstellungen von der Welt. Alle Kulturen gingen von einer allem zu Grunde liegenden Ordnungskraft aus. Ohne Ordnung war kein Leben möglich, von Zivilisationen ganz zu schweigen.  Nicht ohne Grund basieren auch die Religionen auf einem Ordnungsprinzip mit klaren Regeln.

Verstieß ein Mensch gegen diese Ordnung, stellte er gleichzeitig eine Bedrohung derselben dar. Im Grunde gilt dies auch heute noch. Ein Einbrecher beispielsweise bedroht das sicher geglaubte Heim anderer Menschen, die sich bei ihrer Existenzplanung auf ein Mindestmaß an Sicherheit verlassen.

Eide auf Reliquien

Eide auf Reliquien (Sachsenspiegel)

Beim Gottesurteil verließ man sich darauf, dass die Kräfte der Ordnung immer die Oberhand gewinnen würden. Im Falle des europäischen Mittelalters würde Gott demjenigen zum Sieg verhelfen, der im Recht war. Denn es wäre unvorstellbar, dass Er die Kräfte des Bösen triumphieren lassen würde. Doch es musste nicht sofort ein Kampf erfolgen. Zunächst einmal gab es den Eid, der sich bis in unser modernes Rechtssystem erhalten hat. Zur Zeit der Germanen gewann hier allerdings vor allem derjenige, der die meisten Eideshelfer für sich gewinnen konnte, also Menschen, die ihn in seiner Aussage unterstützten.[1]

Wenn dies von vorneherein klar war, konnte einer der Streitenden dem anderen im Vorfeld die Schwurhand entziehen, womit ein Zweikampf notwendig wurde. Auch das jeweilige Gericht konnte diesen anordnen. Dieser Kampf hatte genauen Regeln zu folgen, die vom Gericht festgelegt wurden. Wichtig war vor allem, dass die Chancengleichheit gewahrt wurde. So gab es beispielsweise beim Zweikampf zwischen Mann und Frau die Variante, dass der Mann bis zur Hüfte in einem Loch stand, dass er nicht verlassen durfte. Auch der Kampfplatz war genau abgesteckt.[2] Frauen wie Männer hatten aber auch das Recht, jemanden an ihrer Stelle für sich kämpfen zu lassen oder eine andere Art des Gottesurteils zu verlangen. Als Vertreter kamen entweder Kämpfer in Frage, die ihre Dienste für Geld anboten, oder Ritter, die sich bereit erklärten, anzutreten. So konnte es auch zu einem Kampf zwischen einem Adligen und einem Bauern kommen.[3]

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Zweikampf zwischen Mann und Frau

Im Mittelalter waren nicht nur die Adligen im Kampf ausgebildet. Die Bürger einer Stadt mussten diese im Krieg selbst verteidigen. Das galt ebenfalls für die Bauern auf ihren Höfen und in den Dörfern, die sich im Ernstfall zunächst alleine gegen Räuber wehren mussten. Insgesamt lag zu dieser Zeit die Selbstverteidigung in erster Linie bei einem selbst und erst dann bei den Ordnungskräften. Denn bis diese vor Ort waren, falls sie überhaupt verfügbar waren, konnte es dauern. So trugen auch die einfachen Menschen Waffen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das sogenannte Lange Messer, das mit einer Schneide auch von Nichtadligen geführt werden durfte. So war der Sieg des Ritters im Zweikampf nicht vollkommen sicher.

Insbesondere in den Städten wurde der gerichtliche Zweikampf zunehmend unbeliebt, insbesondere unter den Kaufleuten. So wurde sich zunehmend darum bemüht, von dieser Regelung befreit zu werden. Ganz besonders schlecht für das Geschäft war es, wenn sich ein auswärtiger Kaufmann Gottesurteilen unterziehen musste und der Stadt zukünftig fernblieb oder gar getötet wurde. Aus diesem Grund entwickelte sich nun die Zeugenbefragung, um den wahren Hergang eines Verbrechens nachvollziehen zu können. Dazu kam, dass nun auch die Folter als gängiges Verfahren zur Wahrheitsfindung Anwendung fand.[4]

Gänzlich verschwunden war das Gottesurteil damit allerdings nicht, was die Hexenprozesse zeigen sollten, von denen die letzten noch im 18. Jahrhundert stattfanden. Und auch heute noch existiert die Vorstellung, dass derjenige, der auf der richtigen Seite steht, siegen wird. Auch das Vertrauen darauf, dass das Gute letztlich über das Böse triumphieren wird, geht auf die Denkweisen der Antike und  des Mittelalters zurück. Die Idee des Gottesurteils ist somit sehr viel aktueller, als man es auf den ersten Blick vermuten könnte.

 

[1] Vgl. Schild, Wolfgang (1989). S. 226.

[2] Vgl. Ebd. S. 226-229.

[3] Vgl. Ebd, S, 232-233.

[4] Vgl. Ebd. S. 236-237.

Literatur:

Schild, Wolfgang: Die Gottesurteile. In: Justiz in alter Zeit (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber; 6). Rothenburg o. d. T. 1989. S. 225-240.

 

In eigener Sache:“Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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