Schiffe und Seefahrt der Wikinger

Die Wikinger waren das bedeutendste seefahrende Volk des frühen Mittelalters. Ihre Fähigkeiten in Schiffbau, Seefahrt und Kriegführung zur See sollten lange Zeit unübertroffen und bis in unsere heutige Zeit hinein Vorbild bleiben. Nur so war es den Wikingern möglich, ihre berühmten Fahrten zu unternehmen oder erfolgreich Seeräuberei zu betreiben. Dabei beschränkten sich ihre Fähigkeiten längst nicht nur auf den Krieg. Viel wichtiger waren Entdeckung, Besiedlung und Handel. Nicht nur in der damals bekannten Welt erreichten sie so jeden Winkel, sie überquerten gar den Atlantik und gründeten die erste europäische Siedlung in Neufundland. Auch kamen sie lange vor Christoph Kolumbus in Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern. Doch was machte ihre Schiffe derart besonders?

Die Geschichte der skandinavischen Seefahrt reicht zurück bis in die Bronzezeit, in der noch Kanus eingesetzt wurden. Diese wurden noch nicht über den Wind angetrieben, sondern durch Muskelkraft. Gedacht waren sie in erster Linie für den Einsatz auf Binnengewässern. Das früheste nachgewiesene Boot dieser Art ist das Hjortspring-Boot, das in Dänemark gefunden wurde und aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt. Es war 19 Meter lang und zwei Meter breit. Angetrieben wurde es durch 24 Paddler. Ruder wurden erstmals bei Booten aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen.[1]

Segel besaßen diese frühen Schiffe noch nicht. Diese werden zum ersten Mal in einem Bericht von Sidonius Appolinaris aus dem Jahr 743 n. Chr. erwähnt. Aufschluss über die Konstruktionsweise gibt das Oseberg-Schiff, dass aus dem Jahr 820 n. Chr.  stammen soll. Das Schiff war 21,5 Meter lang, 5,2 Meter breit und 1,4 Meter hoch. Der Mast war vor mittschiffs auf dem Kielschwein angebracht. Ein Mastpartner stützte ihn dabei zusätzlich. Als zusätzliche Sicherungen gab es zahlreiche Taue und Wanten, um den Mast auch seitlich abzustützen und so der Kraft des Windes etwas entgegen zu setzen. Von besonderer Bedeutung war die Mastfischplatte. Auf dieser saß der Mast auf. Sie hatte die Aufgabe, das Gewicht des Mastes und die Kraft des auf das Segel wirkenden Windes auf eine breite Fläche zu übertragen. Die Länge der Platte musste dabei an die Länge des Schiffes angepasst werden, um eine Überbelastung zu vermeiden.[2]

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Der Bau der Schiffe oblag erfahrenen Baumeistern, die von Anfang an nach einer klaren Vorstellung arbeiten ließen. Zunächst wurde  der Kiel angelegt. Anschließend fügte man die Planken nach und nach hinzu. Danach erst brachte man die inneren Bauelemente an. Während bei den frühen Schiffen die Planken noch mit Seilen verbunden wurden, verwendete man später Nieten. Das Bauholz wurde mit Äxten bearbeitet. Da die Wikinger keine Sägen kannten, mussten die Baumstämme zuvor mit Keilen gespalten werden. Auch wenn man Hobel verwendete, konnte man mit Hilfe der Äxte bereits eine sehr glatte Oberfläche herstellen. Zusätzlich kamen kleine Handbohrer und Schnitzwerkzeuge zum Einsatz. Man vermutet, dass zum Bestimmen von Längen Senkbleie verwendet wurden. Nieten und Anker bestanden aus Eisen und mussten in Schmieden hergestellt werden.[3]

Gebaut wurde dabei nicht nur ein Schiffstyp. Für verschiedene Aufgaben wurden unterschiedliche Schiffe eingesetzt. Aus den Kriegskanus entwickelten sich zunächst die bekannten Kriegsschiffe, die lang und schlank waren. Mit ihnen konnten große Geschwindigkeiten erreicht werden, auch konnten sie durch ihren geringen Tiefgang Flüsse und Seen befahren. Angetrieben wurden sie durch Segel und Ruder, gelenkt durch ein Steuerruder am Heck. Die Maße konnten variieren. Für den Transport von Waren und längere Reisen auf dem offenen Meer wurden später Frachtschiffe, die Knorren, entwickelt. Sie waren breiter und besaßen mehr Tiefgang.[4]

Bei der Schifffahrt ist es unerlässlich, navigieren zu können. In der Anfangszeit wurde häufig noch mit Hilfe von Landmarken navigiert. Hierzu durfte man sich aber nicht zu weit von der Küste entfernen. Wenn die Wikinger weiter vom Land entfernt waren, nutzten sie die Sonne und andere Sterne dazu, sich zu orientieren. Als Hilfe konnten auch Seevögel dienen, die sich in der Nähe von Land aufhalten. Auch führten manche Seefahrer eigene Vögel mit, die sie fliegen ließen und ihnen quasi folgten. Die Tiere folgten ihrem inneren Kompass, um an Land zu gelangen. Wichtig waren auch Erfahrungswerte über Winde und Strömungen, an denen sich die Wikinger orientieren konnten. So war es ihnen auch möglich, das Wetter für die kommenden Tage vorauszusagen. Als einzig wirklich belegtes technisches Hilfsmittel gilt das Lot, mit dem nahe der Küste Wassertiefen bestimmt werden konnten.[5]

Die wikingische Seemannschaft war in ihrer Zeit einzigartig und überaus erfolgreich. Nur durch sie gelang es den skandinavischen Völkern, ihre Heimatländer zu verlassen und in unbekannte Breiten vorzustoßen. Sie orientierten sich dabei nicht an festgeschriebenen Plänen, sondern griffen auf die mündlich überlieferten Erfahrungen anderer Seefahrer zurück. Gerade dies macht es so schwierig, die damals verwendeten Methoden zu rekonstruieren, auch wenn die experimentelle Archäologie hier bereits Großes geleistet hat. So konnte in Tests herausgefunden werden, dass durch die Anordnung der Planken bei schnellen Fahrten Luft unter das Langschiff gesogen wurde und es so ein klein wenig aus dem Wasser hob und den Widerstand verringerte. Für diese frühe Epoche eine unglaubliche Leistung.


[1] Vgl. Bill, Jan (2001). S. 193-194.

[2] Vgl. Ebd. S. 195-197.

[3] Vgl. Ebd. S. 203-206.

[4] Vgl. Ebd. S. 198-200.

[5] Vgl. Ebd. S. 207-209.

Literatur:

Bill Jan. Schiffe und Seemannschaft. In: Sawyer, Peter (Hg.). Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. 2. Auflage 2001. Stuttgart, 2000. S. 192-211.

 

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Ein Kommentar zu “Schiffe und Seefahrt der Wikinger

  1. […] sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der […]

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