Straftatbestände des Mittelalters und ihre Bestrafung

Unsere heutigen Gesetze sind keineswegs eine reine Erfindung der Neuzeit. Ihre Ursprünge reichen bis in die Antike zurück. Ihre Bewertung und die Bestrafungen änderten sich aber über die Zeit. Während über Folter in diesem Blog bereits geschrieben wurde, soll an dieser Stelle auf die Einzelheiten der als bestrafungswürdig angesehenen Vergehen eingegangen und auch die angewandten Strafen kurz vorgestellt werden.

Die Tötung eines anderen Menschen Hier wurde im Mittelalter unterschieden zwischen Mord, Totschlag und Kindesmord. Mord war bei den Germanen noch durch die Zahlung des sogenannten Wergeldes sühnbar. Ab den 12. Jahrhundert änderte sich dies. Als Mord galt, wenn man einen anderen Menschen geplant tötete. Die Tötung musste zudem im Geheimen passieren und der Mörder musste versuchen, die Leiche vor Entdeckung zu verbergen. Außerdem wurde das Töten nach Auftrag, aus Streben nach Gewinn, eines Wehr- oder Ahnungslosen als Mord angesehen.

Rädern

Rädern

Die Strafen für Mord muten aus unserer heutigen Sicht außerordentlich brutal an. Oft wird das Rädern als Strafe genannt. Der Verurteilte wurde zur Richtstätte geschleift, am Boden fixiert und ihm anschließend mit einem Wagenrad Gelenke und Knochen gebrochen, bevor man ihn tötete. War das Gericht gnädig gestimmt, wurden die Verurteilten mit dem Richtschwert enthauptet. Frauen wurden lebendig begraben, gehängt oder verbrannt. Wichtig zu erwähnen ist, dass es bei schweren Fällen zu einer Kumulierung der Strafen kommen konnte. In der Praxis bedeutete dies, dass vor der eigentlichen Hinrichtung noch Strafen für andere Vergehen vor oder während dem Mord hinzukommen konnten. Vom Mord wurde der Totschlag unterschieden, wenn diese Trennung auch nicht immer scharf gezogen wurde. Auch dieses Vergehen wurde in der Regel mit einer Hinrichtung geahndet, es sei denn, der Beschuldigte hatte in Notwehr gehandelt, dies unter Eid ausgesagt und den Richter davon überzeugt – in diesem Fall war er frei. Die Tötung eines Kinds war ein schwerer Fall der Tötung eines Wehrlosen. Als Strafen wurden Ertränken, Lebendig begraben oder Pfählen des Täters angewandt. Mütter, die unehelich gezeugte Neugeborene umbrachten, wurden allerdings nur sehr selten bestraft – vor allem deswegen, weil es keine lebenden Menschen gab, die hierdurch einen Nachteil erlitten. Wie wir sehen, war das weltliche Recht im Mittelalter eher pragmatisch ausgerichtet.[1]

Brandstiftung Hier wurde unterschieden in das Absichtliche Legen von Feuer und die fahrlässige Brandstiftung, wenn man also ein Feuer nicht ausreichend beaufsichtigte oder sicherte. Legte man absichtlich Feuer, konnte man nicht mit Gnade rechnen – das Feuer, insbesondere solche, die Nachts ausbrachen, waren stets eine existenzielle Bedrohung für jede Siedlung. Als Strafen waren Rädern, Enthauptung, Verbrennen, Erwürgen und Erhängen vorgesehen.[2]

Diebstahl Diebstahl gab es, wenig überraschend, in jeder Epoche. Man verstand darunter den Vorgang, eine bewegliche Sache widerrechtlich an sich zu bringen. Bereits die Nutzung fremden Besitztums galt als Diebstahl, auch wenn man es nicht im eigentlichen Sinne entwendete. Dabei wurde unterschieden zwischen leichtem und schwerem Diebstahl. Bei leichtem Diebstahl konnte man im mildesten Fall mit einer Geldstrafe belegt werden. Nach der Einführung der Landfriedensordnungen konnte man aber auch mit Prügel, Ohren – und Daumenabschneiden, dem Pranger, der Verbannung oder dem Brandmarken bestraft werden. Handelte es sich um schweren Diebstahl, waren auch die Strafen härter. Dazu zählten Blenden, Handabschlagen oder auch das Erhängen. Interessant ist, dass der Einbruchdiebstahl härter bestraft wurde, als öffentlicher Diebstahl. Den Einbrecher erwartete in der Regel der Galgen. Mit der Todesstrafe musste auch der rechnen, der mehrfach beim Beutelschneiden erwischt wurde. Beim ersten Mal verlor man bei 30 Pfennig oder weniger den Daumen, ab 60 Pfennig die Hand.[3]

Herstellen und/oder Besitz von Falschgeld Auch dieses Vergehen ist kein Phänomen unserer Zeit. Die Bestrafung war hier sogar härter als beim Diebstahl. Befand man sich in Besitz von 60 Pfennig oder mehr und konnte nicht nachweisen, dass man das Geld nicht selbst gefälscht hatte, konnte man mit dem Galgen rechnen. War es weniger, konnte man mit einem Brandzeichen und der Verbannung rechnen. Ab dem 13. Jahrhundert wurden Sieden und Verbrennen als zusätzliche Strafen eingeführt.[4]

Urkundenfälschung Dies war im Mittelalter eines der am weitest verbreiteten Verbrechen. Die Könige und Fürsten führten häufig keine Archive und konnten so oft nicht nachvollziehen, ob eine bestimmte Urkunde in der vorgelegten Form so auch ausgestellt wurde. Auch wenn der Nachweis nicht einfach war, die Strafen waren eindeutig: der Verlust einer Hand oder Sieden oder Verbrennen waren nicht unüblich.[5]

Raub Dieser wurde meist mit dem Tod durch das Schwert geahndet, wenn der Wert des geraubten Gutes drei Pfennig überstieg. Als besonders ernst war der Straßenraub, da hier noch der Straftatbestand des Friedbruches dazu kam. Dies lag darin begründet, dass die Straßen unter dem Schutz des Königs standen.[6]

Vergewaltigung Hier fällt zunächst auf, dass lediglich die Vergewaltigung von Frauen erwähnt wird, nicht aber die von Männern. Und auch bei Frauen mussten bestimmte Kriterien erfüllt sein. Das Opfer musste direkt nach der Tat mit gerafftem Kleid und offenem Haar bezeugen, was sich zugetragen hatte. In manchen mittelalterlichen Rechtssystemen wurde der Fall auch nur dann verfolgt, wenn es sich um eine Einwohnerin der jeweiligen Siedlung bzw. des Gebietes handelte und nicht um eine fahrende Frau. Der Schwabenspiegel unterscheidet hier wiederrum nicht. Als Bestrafung konnte sowohl der Pranger als auch Todesstrafen wie Enthauptung oder Pfählen in Frage kommen.[7]

Inzest Die Forschung geht davon aus, dass Inzest vor Einführung des Christentums nicht unbedingt strafbar war. Zumindest lasse sich erst in christlich geprägten Gesetzeswerken nachweisen, dass er verfolgt wurde. Eine deutliche Zunahme der Strafverfolgung fand ab dem 15. Jahrhundert statt, die Verurteilten wurden mit dem Tod durch Enthaupten bestraft.

Gleichgeschlechtliche Liebe und Sodomie Beides wurde im Mittelalter als Verbrechen angesehen und mit dem Verbrennen bestraft, manchmal auch nur mit dem Auspeitschen und der Verbannung. Die Härte der Strafen lässt sich mit dem Glauben erklären. Die Kirche sah beides als Ketzerei an, die allerdings vor einem weltlichen Gericht verhandelt wurde.[8]

Ehebruch Während bei den Germanen bei einem Ehebruch lediglich die Ehefrau belangt wurde, die sich zu dieser Zeit quasi im Besitz des Mannes befand, sah die Kirche im Mittelalter beide Ehepartner als verantwortlich für ihre Ehe an. Ab dem 14. Jahrhundert spiegelt sich dies auch in den weltlichen Rechten der Städte wieder.

Gotteslästerung Diese lag vor, wenn man sich negativ über Gott und/oder Heilige äußerte oder auch nur fluchte. Während sie anfangs nur durch geistliche Gerichte geahndet wurde, befassten sich später auch weltliche Richter damit. Gotteslästerung wurde vor allem deshalb als so schwerwiegend angesehen, weil die Menschen glaubten, dass man mit entsprechenden Äußerungen den Zorn Gottes auf eine Stadt oder ein bestimmtes Gebiet ziehen könnte. Die Strafen reichten von Geldbußen über das Herausreißen der Zunge bis hin zur Enthauptung oder dem Verbrennen.[9]

Nachbildung einer Folterkammer

Nachbildung einer Folterkammer

Ketzerei Ein Ketzer war jeder, der religiöse Lehren verbreitete, die von denen der Kirche abwichen. Auch wenn es in erster Linie ein kirchliches Verbrechen darstellte, benötigte die Kirche oft weltliche Hilfe, um gegen die Ketzer vorzugehen. Gleichzeitig bildete sie Geistliche ab dem 13. Jahrhundert Inquisitoren aus, die Ketzer zunächst durch eine öffentliche Debatte wiederlegen sollten. Erst später entwickelte sich die Inquisition, die auch auf drastischere Mittel zurückgriff. Die Strafe für Ketzerei war die Verbrennung.

Hexerei

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Flugblatt einer Hexenverbrennung 1531

Anders als häufig angenommen fand eine Großzahl der Hexenverfolgungen nicht im Mittelalter statt, sondern vom 15. – 18. Jahrhundert. Die meisten Hexenprozesse finden sich im 17. Jahrhundert. Die Beschuldigten wurden nicht nur verbrannt, sondern immer auch gefoltert – um den Dämon, der in der Person vermutet wurde, auszutreiben. Auch wenn die staatlichen Stellen insbesondere im 18. Jahrhundert begannen, diese Verfolgungen einzustellen, blieb der Glaube an Hexen noch erhalten. Die letzte Verbrennung in deutschen Gebieten fand 1775 in Kempten statt.[10]

Verbrechen gegen den Staat Ein besonders streng geartetes Verbrechen war der Verrat, der meist mit dem Tode bestraft wurde. Im 14. Jahrhundert kam das Vierteilen in Mode. Ein weiteres, schwerwiegendes Vergehen war das Majestätsverbrechen. Auch dieses wurde mit dem Tod, zumindest aber mit Verstümmelung, Haft oder Verbannung bestraft.[11] Wie zu sehen ist, gab es im Mittelalter bereits einen umfangreichen Katalog darüber, welche Verbrechen wie bestraft werden sollte. Dieser existierte zwar auch in geschriebener Form, häufig handelte es sich aber um das Gewohnheitsrecht. Dieses besaß eine sehr lange Tradition, die bis in die Antike zurück reichte. Viele der Verbrechen wurden im Mittelalter strenger bestraft, als dies noch in den germanischen Rechten der Fall war. In vielen Fällen lässt sich beobachten, dass insbesondere das Christentum einen entscheidenden Einfluss auch auf das weltliche Recht hatte. In einigen Bereichen sorgte die Kirche auch dafür, dass neue Straftatbestände in das weltliche Recht aufgenommen wurden.

Folter 1577

Folter der Frau und der Tochter eines Fuhrmannes, 1577

Die damals als Straftaten angesehenen Handlungen finden sich auch in unseren modernen Gesetzen. Andere sind hinzugekommen, auch wurde mehr und mehr präzisiert und differenziert. Die Strafen sind heute meist sehr viel milder und schonender als im Mittelalter – zumindest in Deutschland. Die Todesstrafe existiert in unserer heutigen Welt nach wie vor, ebenso das lebenslange Einsperren von Straftätern. Und auch die Folter findet sich heute genauso wie vor Jahrhunderten, ohne das ein Ende dieser Praktiken in Aussicht stehen würde. Ebenso finden sich auch heute noch Aberglaube und die Verfolgung Andersdenkender. Ob sich die Menschheit letzten Endes weiter entwickeln oder in alten Muster verharren oder gar in noch ältere zurück fallen wird, bleibt abzuwarten.

 [1] Vgl. Schild, Wolfgang (1989). S. 297-299.
[2] Vgl. Ebd. S. 299-300.
[3] Vgl. Ebd. S. 300-302.
[4] Vgl. Ebd. S. 303.
[5] Vgl. Ebd. S. 304.
[6] Vgl. Ebd. S. 304.
[7] Vgl. Ebd. S. 321.
[8] Vgl. Ebd. S. 321-322.
[9] Vgl. Ebd. S. 322-324.
[10] Vgl. Ebd. S. 324-325.
[11] Vgl. Ebd. S. 325-326.
Literatur: Schild, Wolfgang: Der Katalog der Missetaten. In: Justiz in alter Zeit (Schriftenreihe des Mittelalterlichen Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber; 6). Rothenburg o. d. T. 1989. S. 297-326.
In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen. x-click-but04
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4 Kommentare zu “Straftatbestände des Mittelalters und ihre Bestrafung

  1. Mittelalterfan99 sagt:

    Ich danke dir für diese durchaus informative Seite! Die Texte waren mir meinen Schularbeiten sehr hilfreich! Großes Lob dafür.

    MfG
    ein großer Sympathisant! 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Petra Ronimi sagt:

    Ich bin Lehrerin an einer Frankfurter Schule – der IGS West – wir haben als Lehrerteam vor einige Projektwochen zum Thema Mittelalter zu starten – ich selbst bin auf der Suche nach mathematischen Bezügen – ein Beispiel aus dem Studium dieses Blogs – vielen Dank also für diese Seite – : Was für mathematische Werkzeuge wurden für den Bau eines Trebuchets verwendet?
    Unseren SchülerInnen werde ich diesen blog ebenfalls empfehlen und bin schon auf deren Fragen und Anregungen gespannt …
    Lob und Dank und Grüße aus Frankfurt
    Ron

    Gefällt 1 Person

    • Das klingt nach einem wirklich spannenden Projekt zu einer spannenden Epoche! Der Bau von Belagerungsmaschinen ist ein besonders interessantes Thema. Leider hat man bisher keine Pläne bzw. Konstruktionsskizzen von Trebuchets gefunden. Einzig Bilder geben einen Eindruck von ihrer Konstruktion. Gebaut wurden sie meist von erfahrenen Zimmerleuten. Die Werkzeuge dieser Handwerker sahen bereits im Mittelalter ganz ähnlich aus wie die, die noch heute verwendet werden. Da könnte man also ansetzen.
      Ich wünsche Ihnen und Ihren Schülern auf jeden Fall viel Freude beim Mittelalter-Projekt!

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