Belagerungstechniken des Mittelalters: Leitern

Leitern gehören zu den ältesten Hilfsmitteln bei Belagerungen. Sie sind schon in den frühesten Quellen zu finden und wurden auch im Mittelalter häufig verwendet. Dies liegt schon alleine darin begründet, dass immer ein mehr oder weniger großer Höhenunterschied überwunden werden musste, um eine Befestigung zu erstürmen. Eine Leiter ist hierfür im Grunde gut geeignet sowie günstig und schnell herzustellen. Allerdings war ihr Einsatz mit erheblichen Risiken verbunden und auch bei der Herstellung einer Belagerungsleiter galt es einige grundlegende Aspekte zu beachten.

Wichtig war die Länge der Leiter. War sie zu kurz, erreichte man nicht die Mauerkrone. War sie zu lang bestand die Gefahr, dass sie das Gewicht der an ihr kletternden Angreifer nicht tragen konnte und zusammen brach. Man benötigte also für jede Mauerhöhe die richtige Leiter. Insbesondere bei Befestigungen mit mehreren Mauerringen mit unterschiedlich hohen Mauern konnte dies zu Schwierigkeiten führen, da man nicht einfach die zuletzt verwendete Leiter weiter benutzen konnte, sondern zuerst neue heranführen musste. Die Höhe er Mauer musste also erst einmal in Erfahrung gebracht werden. Hierzu sind zwei Methoden überliefert. Bei der ersten Wurde eine Schnur mit Hilfe eines Pfeils an den höchsten Punkt der Mauer geschossen. Anhand der Länge der Schnur, die nun mit dem Boden und der Mauer ein Dreieck bildete, konnte nun die Höhe der Mauer errechnet werden. Die zweite Methode funktionierte bei Sonnenuntergang, wenn die Mauer einen Schatten warf. Man maß die Länge dieses Schattens und verglich ihn dann mit einem Schatten, der von einem drei Meter hohen Pfahl geworfen wurde. Nun konnte man hochrechnen und so die Höhe der Mauer bestimmen. Man muss bedenken, dass alle diese Maßnahmen unter dem Beschuss seitens der Verteidiger durchgeführt werden mussten.

Doch nicht nur normale Leitern wurden verwendet. Es gibt Aufzeichnungen über Leitern, die auf rollbaren Gestellen angebracht waren und an die Mauer herangefahren werden konnten. An anderen war oben noch eine Rampe angebracht, über die die Angreifer den Wehrgang erreichen konnten.

Der Angriff über die Leitern war allerdings sehr riskant. Abgesehen von den Rüstungen und Schilden waren die Angreifer komplett ungeschützt. Selbst wenn die eigenen Bogenschützen versuchten, die Verteidiger in Deckung zu zwingen, waren die Männer auf der Leiter einem stetigen Beschuss mit allem ausgesetzt, was die Krieger auf der Mauer zur Verfügung hatten. Bogen- und Armbrustschützen, später auch Hakenbüchsen und noch später Musketen richteten große Verluste an. Darüber hinaus wurde mit Steinen und sogar Mobiliar geworfen. Heißes Öl, kochendes Wasser und auch heißer Sand waren besonders grausame Waffen. Die Substanzen drangen mit Leichtigkeit unter die Rüstung vor und verbrannten die Menschen bei lebendigem Leibe. In einzelnen Fällen ist auch der Einsatz von Bienenkörben belegt. Bei der Belagerung von Neuss 1474/75 wurde auch mit Fäkalien geworfen. Der Autor des Berichts, Christian Wierstraet, betont, dass diese Maßnahmen besonders deswegen sehr effektiv waren, weil die Angreifer keine Kleidung zum Wechseln auf dem Feldzug dabei hatten.

Es war daher wichtig, diese Distanz möglichst schnell zu überbrücken. So weit wir wissen, waren die Krieger der Antike und des Mittelalters wesentlich schneller auf der Mauer, als uns das moderne Filme glauben lassen wollen. Aus der Antike wissen wir, dass die Soldaten die Leitern hochsteigen konnten, ohne ihre Arme und Hände zu benutzen. Das machte auch Sinn, da sie sich dann mit dem Schild besser schützen konnten. Auch die Fitness der mittelalterlichen Ritter war beeindruckend. Es war ihnen möglich, sich in voller Rüstung nur mit Hilfe der Arme nach oben zu ziehen.

Leitern werden bis heute im Militär verwendet, beispielsweise dazu, verschiedene Stockwerke im Straßenkampf schnell zu erreichen. Auch hier gilt, genau wie im Mittelalter, dass die Überbrückung der jeweiligen Distanz möglichst schnell vonstatten gehen muss und man am anderen Ende der Leiter mit Gegenwehr rechnen muss. Somit kann man Leitern auch heute noch als das älteste Hilfsmittel im Falle von Belagerungen bezeichnen.

Quelle:

Wierstraet, Christian. Die Geschichte der Belagerung von Neuss. Faksimile der Erstausgabe bei Arnold ther Hoernen Köln 1476. Neuss, 1974.

Literatur:

Nossov, Konstantin. Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Lyons Press Paperback edition 2012. Guilford, 2005.

 

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