Ein Leben als Ritter

Hartmann von Aue im Codex Manesse - Idealbild eines Ritters

Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Ein Traum vieler Jungen: Als Ritter in glänzender Rüstung in einer prächtigen Burg leben, von allen bewundert oder gefürchtet, unverwundbar und wehrhaft. Ein schöner Traum, der durch eine ganze Reihe von Rittergeschichten, Filme und Spiele weitere Nahrung erhält. Wirklich enden tut diese Vorstellung nicht, auch wenn man das Kindesalter längst hinter sich gelassen hat. Beim Ritter, seiner Burg und seinem Burgfräulein handelt es sich um Bilder, die sich auch bei vielen Erwachsenen finden lassen. Viele Filme greifen dies auf und kreieren Bilder, die den Zuschauern gefallen. Kaum ein Film oder Serie, der die wirklichen Lebensverhältnisse des Mittelalters darstellt. Wie würden Sie dazu stehen, als Ritter im Mittelalter zu leben?

Die Romantisierung des Mittelalters ist kein Phänomen allein unserer modernen Zeit. Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Romantiker damit, ein übertrieben schönes Bild vom Mittelalter zu zeichnen, meist als Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen ihrer eigenen Epoche. Untersuchungen an mittelalterlichen Skeletten liefern uns weit realistischere Eindrücke aus dieser Zeit.

Ein besonders bekanntes Beispiel hierfür stellt der Ritter Sir John de Stricheley dar. Er starb am 10. Oktober 1341 im Alter von 25 Jahren.  Sein Skelett zeigt heute noch die Spuren seines kurzen aber zweifellos harten Lebens. Ihm waren im Kampf bereits mehrere Zähne ausgeschlagen worden, außerdem hatte er einen Treffer einer Schlachtaxt überlebt, wie uns sein Schädelknochen verrät.

Bei älteren Rittern stellte man außerdem diverse Verschleißerscheinungen fest. Besonders betroffen war die Wirbelsäule, die durch das jahrelange Reiten und das Tragen der schweren Ausrüstung verschlissen war. Darüber hinaus findet man auch immer wieder Hinweise auf schlechte Zähne. Kein Wunder wenn man bedenkt, welche Schäden diese im Kampf davontragen konnten. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welche Schmerzen damit verbunden gewesen sein müssen.

Auf Feldzügen wurde das Überleben noch schwieriger. Otto von Linn, ein niedriger Adliger aus dem Rheinland, nahm am Kreuzzug Friedrich Barbarossas ins Heilige Land teil. Es ist überliefert, dass das Heer bei seinem Zug durch Anatolien sehr unter Hunger zu leiden hatte. Das Skelett Ottos zeigt deutliche Spuren dieser Hungersnot. An seinen Schienbeinen sind die sogenannten Harris’schen Linien zu erkennen. Diese treten vor allem dann auf, wenn ein Mensch in seiner Wachstumsphase eine Zeit lang unter starkem Hunger zu leiden hat. Zudem sind ihm die oberen Backenzähne ausgefallen, was auf Skorbut schließen lässt. Er überlebte aber und kehrte auf seine Burg zurück.

Auch Geschlechtskrankheiten spielten eine Rolle. Das berühmteste Beispiel hierfür ist mit Sicherheit der englische König Heinrich VIII. Wenn man seine Rüstung im Tower of London besichtigt fällt schnell eine spezielle Wölbung im Bereich der Genitalien auf. Diese war extra gefertigt worden, da der König unter der Syphilis litt. Den Frauen wird es nicht besser gegangen sein. Keine besonders romantischen Lebensumstände.

Das Leben auf der Burg war zwar auch nicht besonders bequem, allerdings immer noch etwas besser als das des Bauern in seiner Hütte. Wirklich zu beneiden war der Ritter allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, ein Brief des Ritters Ulrich von Hutten an den Patrizier Willibald Pirckheimer aus dem Jahr 1518 verrät uns sehr gut, was ein Ritter dieser Zeit über seine Lebenssituation dachte:

„In den Städten könnt ihr nicht nur friedlich, sondern auch bequem leben, wenn ihr es euch vornehmt. Aber glaubst du, dass ich unter meinen Rittern jemals Ruhe finden werde? […] Man lebt auf dem Feld, im Wald und in den bekannten Burgen auf dem Berg. Die uns ernähren, sind bettelarme Bauern, […]. Der einkommende Ertrag ist, gemessen an der aufgewandten Mühe, geringfügig […]. Unterdessen gehen wir nicht einmal im Umkreis von zwei Joch ohne Waffen aus. Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen.[…] Die Burg selbst […] ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Sie ist von Mauer und Gräben umgeben, innen ist sie eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech, Schwefel und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät. […], und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das – […] ein lieblicher Duft! Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer.“ (Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970).

Wie wir sehen, bewertete selbst ein mittelalterliche Ritter sein Leben recht kritisch als nicht besonders romantisch oder heroisch. Selbst die gewaltsamen Auseinandersetzungen sorgen anscheinend eher für Ungemach als für heroische Höhenflüge. Man sollte aber beachten, dass sich das Rittertum zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einer anderen Phase befand als im Hochmittelalter. Die generellen Lebensumstände sahen aber sehr ähnlich aus.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ein Leben als mittelalterlicher Ritter so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was wir uns heute häufig darunter vorstellen. Aber würde sich ein Film, der dies wirklich realistisch darstellt, die Massen in die Kinos locken? Die historischen Romane scheinen sich hier zumindest leichter zu tun. Letzten Endes wollen wir unserer Realität einfach für eine gewisse Zeit entfliehen, ohne mit einer n0ch viel raueren Realität konfrontiert zu werden. Im realen Mittelalter leben würde wohl kaum jemand wollen.

Quellen:

 Ulrichs von Hutten Schriften, hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 201-203 Brief Nr. 90; Deutsche Schriften , übers. von Peter Ukena und Dietrich Kurze, München 1970.

Internet:

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-72327452.html (28.02.2013).

Literatur:

Borst, Arno. Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin, 2004.

 

In eigener Sache: „Das Mittelalter – Der Blog“ ist eine nicht-kommerzielle Seite, die ich in meiner Freizeit betreibe. Die Seite wird auch zukünftig trotz eines hohen Aufwandes kostenlos bleiben. Ich würde mich daher wirklich sehr über eine kleine Aufmerksamkeit freuen.

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Ein Kommentar zu “Ein Leben als Ritter

  1. Sabine Ossenkop sagt:

    Mir hat der Bericht sehr gut gefallen. Er hat mir ein realistisches Bild vom Leben der Ritter vor Augen geführt und ich finde es wichtig, dieses Bild nicht zu vergessen, wenn man an das Leben im Mittelalter denkt. Leicht gerät man ins Träumen wenn man an eine Zeit denkt, in der man romantisch in einer Welt ohne Stress, Hektik, Atommüll, Autosmog, Umweltvergiftungen und Klimaveränderungen leben konnte. Dabei vergisst man aber auch, dass unser Leben doch viel angenehmer ohne Hunger, Kälte, Schmerzen die man nicht ertragen muss, geworden ist. Aber die Menschen Träumen auch gerne und wenn man die schönen Dinge aus dem Rittertum auf heute übertragen kann, z.B. auf Mittelaltermärkten mit knisternden Feuertöpfen und Gerüchen von Grill und Kräutern und romantischen Kostümen und Zelten, dann kann man das Gefühl haben, dass auch die Tugenden von Ehre, Respekt, Ehrlichkeit usw. nicht verloren gegangen sind.
    Beim Lesen des Berichtes fand ich mich mitten im Mittelalter wieder, so herrlich bildlich ist er geschrieben. Ich hoffe, auf mehr davon :-))

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