Das Turnier im frühen und hohen Mittelalter

Turnierszene aus dem Codex Manesse

Turnierszene aus dem Codex Manesse

An was denken Sie als erstes, wenn Sie das mittelalterliche Turnier vor Augen haben? Mit ziemlicher Sicherheit an zwei in glänzende Plattenpanzer und bunte Farben gekleidete Ritter, die sich auf ihren geschmückten Pferden entgegen reiten, lediglich durch einen Zaun voneinander getrennt, die Turnierlanze im Anschlag. Beim Aufprall wird einer der Ritter entweder vom Pferd gestoßen, die Lanze wird splittern oder es wird noch einen weiteren Durchgang geben. Sicherlich werden Sie sich auch vorstellen, wie das Geschehen von einer Bühne aus vom König und der Königin und weiteren Würdenträgern des Reiches erfolgt wird und wie das einfache Volk von seinen Rängen aus jubelt.

Kein Wunder, denn genau so wird das mittelalterliche Turnier in der Regel dargestellt. Und diese Form, übrigens Tjost genannt, gab es auch tatsächlich. Die Anfänge des Turniers sahen allerdings ganz anders aus. Die frühe Form gab es zwar in kleinerem Maßstab in Form des Buhurts auch später noch, aber die ersten Turniere waren wesentlich umfangreicher, spektakulärer und gewalttätiger als ihre Nachfolgeveranstaltungen.

Diese Kämpfe wurden nicht auf einem normalen Turnierplatz ausgetragen, sondern in normalem Gelände. Dieses beinhaltete meist mehrere Geländeformen: Feld, Wald, Flüsse und Dickicht. In diesem Gelände konnten sich die Ritter frei bewegen, kämpfen und sogar ausruhen, wenn sie sich verstecken konnten. Teilnehmer kamen von überall her, sogar Könige nahmen teil. Es gab vor allem zwei Ziele. Zum einen konnte man durch den Sieg Ehre, Anerkennung und Bekanntheit erlangen und sich vielleicht sogar einem Herrscher für den nächsten Kriegszug empfehlen. Zum anderen konnten man durch die Gefangennahme gegnerischer Ritter mehr oder weniger hohe Lösegelder erzielen. Beides waren besonders erstrebenswerte Ziele für junge Ritter, die als Zweitgebohrene keinen Anspruch auf ein Erbe hatten oder die auch als Erstgebohrene aufgrund der Armut des Vaters nichts zu erwarten hatten. Sie mussten sich Geld und Ehre erst verdienen. Was lag näher als dies durch den Kampf zu erreichen, in dem sie ihr Leben lang ausgebildet worden waren? Reiche aber unerfahrene Kämpfer mussten achtsam sein. Anhand ihrer Wappen konnten sie schnell erkannt werden und wurden dann schnell Opfer von erfahrenen Rittern, die so relativ einfach satte Lösegelder gewinnen konnten. Im Falle der Teilnahme von hochgestellten Persönlichkeiten traten diese meist in Begleitung mehrer Gefolgsleute teil, die quasi als Leibwächter fungierten.

Die Ausrüstung bestand in dieser Zeit, dem 11. und 12. Jahrhundert, noch nicht aus den berühmten Plattenrüstungen. Es gab Topfhelme, ansonsten wurde meistens ein Kettenhemd über einem wattierten Wams getragen, manchmal durch Eisenplatten an wichtigen Stellen verstärkt. Dennoch, insgesamt war der Schutz geringer als bei den späteren Turnieren. Verletzte und Tote gab es regelmäßig. Als Waffe wurde alles verwendet, was auch auf dem Schlachtfeld Verwendung fand: Schwert, Lanze, Streitkolben, Schild. Die Waffen waren zwar nicht scharf, aber die Teilnehmer schlugen mit aller Kraft zu.

Die Eröffnung des Turniers erfolgte durch das Aufstellen der Ritter, die kurz darauf aufeinander losstürmten. Und das möglichst schnell, um ja kein Lösegeld zu verpassen. Und es gab auch Zuschauer. Meist bestand das Publikum ebenfalls aus Rittern, die sogar Fangesänge zum besten gaben. Wer kontinuierlich gut kämpfte, konnte sich also sogar dauerhafte Fans schaffen.

Wie wir sehen weicht das ursprüngliche Turnier wesentlich von dem ab, was wir uns heute als solches vorstellen und was in den Filmen gezeigt wird. Diese Form gab es wie gesagt erst ab dem Hochmittelalter. Das Massenturnier davor war gefährlicher, härter und auch mit höheren Gewinnen oder Verlusten verbunden. Auch war es sehr viel eindeutiger Training für die Schlacht und eine Möglichkeit für die Ritter, auch in Friedenszeiten ihrem Handwerk nachgehen zu können und davon zu leben.


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