Spätantike und Mittelalter – Bruch oder Übergang? Das Beispiel Niederrhein.

Wie schon im letzten Kapitel beschrieben, wird das Mittelalter häufig als eine dunkle Epoche angesehen, voller Gewalt, Tod, Krankheit und Armut. Ihm gegenüber steht dann die Antike, eine Zeit voller fortschrittlicher Entwicklungen und dementsprechenden zivilisatorischen Errungenschaften. Am Beispiel Niederrhein und speziell an der Region um Linn im heutigen Krefeld lässt sich aber wunderbar zeigen, dass dieses Bild nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Es gibt eine Menge Parallelen und viele neue Entwicklungen. Wie schon zur Zeit der römischen Herrschaft erfolgte die erste Entwicklung geschlossener Siedlungen zur Zeit des Mittelalters im Umfeld der befestigten Plätze. Von dort weiteten sie sich dann aus. Die Landwirtschaft, die Viehzucht, die Fischerei und die Forstwirtschaft spielten sowohl in der Antike als auch im Mittelalter eine entscheidende Rolle und produzierten fast die gleichen Güter. Sie wurde im Mittelalter durch das Einführen der Dreifelderwirtschaft bzw. dann der Zweifelderwirtschaft entscheidend verbessert. Geldwirtschaft gab es auch nach dem Abzug der Römer, sie wurde sogar weiterentwickelt. Märkte florierten in allen Epochen, ebenso der Handel. Es gab Rechtssysteme, Bündnisse wurden geschlossen. Dies waren Maßnahmen zur Friedenssicherung, wie man sie auch schon in der Antike vorfinden konnte. Der Unterschied war nur, dass es jetzt wesentlich mehr Machthaber auf engerem Raum gab. Das gemeinsame Vorgehen gegen den Raubritter von Strünkede zeigt dies sehr eindrücklich. Es schien auch im Mittelalter eine gewisse Infrastruktur gegeben zu haben, ansonsten wäre der Handel nicht möglich gewesen. Die römischen Straßen und auch die Wasserwege wurden weiterhin genutzt.

Auch die Bauwerke entwickelten sich. Das Kastell Gelduba verfügte zwar bereits über Steinmauern, Türme und Tore, ist aber der Burg Linn ab dem 12. Jahrhundert wehrtechnisch deutlich unterlegen. Man sollte sich vor Augen führen, dass übrig gebliebene römische Befestigungen im 10. Jahrhundert keinen wirklichen Schutz gegen die Normanneneinfälle bieten konnten.Es war allerdings, wie bereits erwähnt, nie als defensive Festung sondern als Garnisonslager erbaut worden. Das Prinzip der Burg wurde aus der Spätantike übernommen. Die Römer kannten damals bereits den Typ des „Burgus“, der bereits auf Belagerungen ausgerichtet war. Hier lässt sich also eine Weiterentwicklung feststellen. Die Ingenieure des Mittelalters bedienten sich gerne antiker Vorbilder, auch aus dem Mittelmeerraum und dem Orient, und verbanden diese Bauweisen mit örtlichen Gegebenheiten, Anforderungen und Traditionen. Es war allerdings neu, dass sich der Adel Burgen oder sogar Städte baute, um seine Herrschaft zu symbolisieren. Die alten Städte hörten aber in vielen Fällen keineswegs auf zu existieren, ganz im Gegenteil. Köln beispielsweise wurde zu einer sehr mächtigen und reichen Stadt, wenn auch nicht mehr unter römischer Herrschaft. Durch Handel und Wirtschaft wurden die Städte sogar so reich, dass sie letzten Endes den Adelsburgen den Rang abliefen. Neu gegründete Städte waren denen der Antike nicht so unähnlich. Auch sie wurden nach einem genau geplanten Muster errichtet, man parzellierte das Land, verteilte es und errichtete darauf dann Bauwerke. Auch die Stadtbefestigung wurde genau geplant und dann errichtet. In Sachen Wirtschaft und Handel erfüllten sie haargenau die Aufgaben, die sie auch schon in der Antike hatten.

Auch in sozialer Hinsicht änderte sich praktisch nicht allzu viel. Die Region war weiterhin dicht besiedelt. Die Romanen wichen nicht einfach, aber es finden sich schon vor Beginn des frühen Mittelalters neben ihnen Franken und Angehörige anderer Stämme. Der aktuelle Fund eines wohl fränkischen Hofes in der Nähe des ehemaligen Kastells Gelduba aus dem 5. Jahrhundert, einer Zeit, in der es sich hier eigentlich noch um militärisches Sperrgebiet handelte, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Provinzgrenze alles andere als undurchlässig war. Fränkische Siedlungen ziviler Art finden sich bereits beiderseits des Rheins, scheinbar unbehelligt durch das römische Militär. Es scheint so, als hätten beide Seiten eine relativ lange Zeit friedlich miteinander gelebt. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung nach und nach verschmolzen ist und mit ihr Sitten, Gebräuche, Technologien und Organisationsformen. Wie wir gesehen haben, kam es bereits sehr früh zu mehr oder weniger engen Kontakten zwischen Römern und Germanen auf Basis des wechselseitigen Handels. Einige Funde von Keramik niederer Qualität zeigen aber auch, dass hier selbst produziert wurde und nicht, wie in der ehemaligen römischen Provinz üblich, Keramik von Manufakturen bezogen wurde.

Wie wir gesehen haben spielte die Kirche eine nicht unwesentliche Rolle bei der Bewahrung von Kultur und sozialem Zusammenhalt, auf regionaler und überregionaler Ebene. Der christliche Glaube verbreitete sich auch unter den Germanen und sorgte für eine wichtige Gemeinsamkeit. Dieser Glaube wurde bald sogar zum Zentrum allen Lebens, Herrschens und Kriegführens. Da die Kirche in der Antike entstanden war und die antiken Denkweisen weiterhin in sich trug, wurden diese zwangsläufig auch in das Mittelalter übernommen und führen dazu, dass von einer gewissen Kontinuität beim Übergang von Spätantike zu frühem Mittelalter ausgegangen werden kann. Dies wurde noch dadurch gefördert, dass die Kirche viele Werke antiker Autoren nicht nur aufbewahrte, sondern auch kopierte und so verbreitete. Aber auch in anderen Bereichen wird deutlich, dass die Kirche einer der deutlichsten Unterschiede zur antiken Welt darstellt. Die Landerschließung wurde nicht unwesentlich durch Klöster betrieben, insbesondere bei Neugründungen. Die Mönche machten dann das Land erst urbar, bewirtschafteten es und verkauften Überschüsse auf den Märkten. Besonders bekannt hierfür ist der Zisterzienserorden, dessen Laienbrüder sehr effektiv Landwirtschaft betrieben.

Alles in allem lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das Mittelalter am Niederrhein alles andere als finster war. Vielmehr gab es eine Neuordnung und gleichzeitig einen neuen Aufbruch. Altes wurde, sofern es nützlich war, gerne weiter verwendet und neues wurde dort erfunden, wo die Notwendigkeit den Ausschlag dazu gab. Die Dinge veränderten sich in dieser Übergangsphase, zu einem Verfall oder einem verschwinden der Zivilisation kam es aber nicht.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Linn. An diesem Ort lassen sich Hinterlassenschaften aus allen Epochen finden. Auf die eisenzeitliche Besiedlung folgte das römische Kastell Gelduba, welches gleichzeitig auch Siedlungs- und Handelsplatz war. Nach dem Abzug der römischen Truppen siedelten hier die Franken am Beginn des Frühmittelalters. Der Bau von Burg Linn und die damit einhergehende Siedlungsentwicklung inklusive ertragreicher Landwirtschaft bis hin zur Stadtgründung zeigt sehr schön, dass es auch nach dem Ende der Römerzeit eine lebendige Zivilisation am Niederrhein gab. Es gab keinen Bruch, vielmehr kann man von einer gewissen Kontinuität ausgehen.


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