Das Mittelalter – das dunkle Zeitalter?

Das Mittelalter – eine Zeit voller Finsternis, ein Absturz in einen Abgrund aus Gewalt, Unwissenheit, Krankheit und fanatischem Glauben? So wird diese Zeit häufig porträtiert. Doch ist dieses Bild korrekt?

Um die Antwort vorweg zu nehmen: nein, ist es nicht. Ich habe in diesem Blog schon einige Male Beispiele zu diesem Thema genannt, insbesondere im Bereich der Bildung. Ich möchte an dieser Stelle auch nur einen kleinen Abriss verfassen, da diese Thematik ein riesiges Volumen hat und mit Sicherheit in Zukunft auch noch eingehender untersucht werden wird.

Beginnen wir unsere kleine Reise mit einem Auslug in die Spätantike. Die Verteidigung der weströmischen Provinzen in Gallien und Germanien liegt längst in den Händen germanischer Fürsten, insbesondere in denen der Franken. Deren Anführer sind ebenso lange Mitglied der lokalen Oberschicht der Provinzen. Nachdem sich die Zentralmacht immer weiter zurückgezogen hatte, übernahmen diese Herren die Macht in ihren Gebieten. Der römische Adel verließ entweder diese Regionen, oder arbeitete mit den neuen Herrschern zusammen. Viele Strukturen, insbesondere die Infrastruktur, brachen mancherort zusammen. Der römische Weg zu leben wurde nach und nach neuen Gegebenheiten angepasst. Das alte ging aber nicht vollends verloren. In Köln, der alten Colonia Agrippina, wurden die römsichen Verwaltungsgebäude von den Franken weiterhin genutzt. Auch die dortigen Handwerksbetriebe arbeiteten weiter. Es ist überliefert, dass noch Karl der Große die römischen Thermen nutzte. Auch das direkte Umfeld der Städte veränderte sich nicht wesentlich. Die Kirche sorgte dafür, dass Handschriften erhalten und kopiert wurden. Auch gab es weiterhin Export und Import, viele römische Straßen und Häfen wurden weiterhin genutzt. Nach und nach wurden auch neue Bauten errichtet.

Auf dem Lande sah die Situation anders aus. Viele Gehöfte konnten nicht mehr aus weit entfernten Städten beliefert werden, da entweder die Straßen verfallen waren oder der Transport über weite Strecken zu gefährlich war. Auch konnten viele Wasserleitungen, die über weite Strecken durchs Land führten, nicht dauerhaft intakt gehalten werden. Es gab eine Vielzahl von lokalen Machthabern, auch wenn es einen fränkischen König gab. Dennoch kam es regelmäßig zu Raubzügen anderer Stämme und von Räuberbanden. Es wurde wichtig, sich auf kleinerer Ebene starke Strukturen zu schaffen, also das, was bisher zentral von einem Statthalter geregelt worden war, nun selbst in die Hand zu nehmen. Der sich herausbildende Feudalismus war ein Ergebnis aus dieser Notwendigkeit. Das Reisekönigtum zeigt sehr deutlich, dass sich auch der König dieser Provinzialisierung anpasste. Doch bereits unter Karl dem Großen wird der Wille zur Schaffung einer Machtzentrale deutlich.

Die Kunst war nach wie vor auf einem hohen Niveau. Die heute noch erhaltenen Kunstwerke aus dem Mittelalter sind sehr eindrucksvoll und professionell angefertigt worden. Achten Sie doch bei Ihrem nächsten Museumsbesuch einmal darauf! Es wurden neue Techniken in allen Bereichen des Kunsthandwerkes entwickelt. Insgesamt war das Mittelalter sehr viel farbenfroher, als es heute häufig dargestellt wird. Schon die frühen Germanen waren geübt darin, ihre Kleidung in vielen kräftigen Farben zu gestalten. Im Mittelalter war dies nicht anders.

Auch in der Waffentechnik bedeutete das Mittelalter eine Weiterentwicklung. Schon in der Spätantike war es zu klaren Niederlagen römischer Armeen gegen germanische Stämme gekommen, und das in offenen Feldschlachten. Die Goten sind ein gutes Beispiel hierfür. Die Germanen waren schon immer gute Reiterkrieger und diese Technik wurde nun nach und nach verfeinert. Rüstungen, Schwerter, Helme, alles wurde weiterentwickelt und war schon bald deutlich besser als das, was die Römer vor dieser Zeit anfertigen konnten. Dies gilt auch für die Festungstechnik. Schon im neunten Jahrhundert wurde deutlich, dass antike Festungsbaukunst keinen guten Schutz gegen die Raubzüge der Normannen bot. Alte Techniken wurden aber nicht vergessen. Wasserleitungen gab es teilweise sogar auf mittelalterlichen Burgen, ebenso beheizte Räume.

Das Christentum und speziell die Kirche bedeuteten noch eine weitere Entwicklung. Bei den alten Germanen musste man noch Wergeld zahlen, wenn man einen anderen Menschen getötet hatte. Damit war das Thema dann erledigt. Es wurde einzig und allein die praktische Tat bewertet, nicht die Intention und das moralisch verwerfliche daran. Dies wurde nun anders. Allein der Wunsch jemanden zu töten wurde nun zur Sünde. Wer jemanden umbrachte, dessen Seele nahm Schaden. Die Mordtat wurde nun auch moralisch verurteilt und zu etwas bösem.

Wie wir sehen, war das Mittelalter alles andere als eine rückständige Epoche. Es gab wichtige Entwicklungen in allen Bereichen. In den meisten dieser Bereiche übertraf das Mittelalter bald die Antike und legte somit den Grundstein für die Renaissance. Wir haben es also nicht mit einer Zwischenepoche zu tun, in der es kurzzeitig zu einem Absturz der Zivilisation kam. Es handelt sich vielmehr um eine wichtige Station in der Entwicklung der Menschheit, ohne die unsere moderne Welt in ihrer jetzigen Form nicht denkbar wäre.


Flattr this

Advertisements

2 Kommentare zu “Das Mittelalter – das dunkle Zeitalter?

  1. Florian Dohmen sagt:

    Sehr geehrter Herr Master Ossenkop!
    Es wäre echt nett wenn Sie etwas über den Feudalismus schreiben würden. Bisher bin ich mit Ihrer Website sehr zufrieden jedoch fehlt mir der Feudalismus!
    MfG Florian

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s