Irrtümer des Mittelalters: Die Kirche enthielt dem Volk gezielt Wissen vor

Hierbei handelt es sich um eines der gängigsten Vorurteile über das Mittelalter und die Kirche. Das Wissen der Antike vermoderte in den Bibliotheken der Kirche während das Volk gezielt dumm gehalten wurde, um Wiedersprüchen gegen die Lehre der Kirche vorzubeugen. Wenn man sich etwas näher mit dieser Thematik auseinandersetzt fällt aber auf, dass man dieses Thema wesentlich differenzierter betrachten muss.

Die römische Kirche war, besonders im frühen Mittelalter, alles andere als eine einheitliche Größe. Es gab zwar den Papst, den Bischof von Rom, der offiziell der höchstgestellte Geistliche Westeuropas war. Die oströmische Kirche verfolgte aber bereits ganz eigenen Lehren. Der westliche Klerus wurde bis zum Investiturstreit im 11. Jahrhundert größtenteils von den weltlichen Herrschern eingesetzt, nicht vom Papst. Und dann waren da noch die Unmengen an Einsiedlern und unabhängigen Klöstern. Ein berühmtes Beispiel ist der Orden der Cluniazenser, der von aller weltlichen und geistlichen Macht unabhängig war. Schon aus diesen Gründen wäre eine einheitliche Linie in der Zurückhaltung von Wissen sehr schwierig gewesen.

Die in diesem Blog bereits behandelte Karoligische Renaissance ist eigentlich das beste Beispiel dafür, das Wissen keineswegs zurückgehalten wurde. Das Gegenteil war der Fall. Es gab bereits vor dieser Erneuerung zahlreiche Schulen, nicht nur in Klöstern und Kathedralen. Hier wurde nicht nur der Klerus, sondern auch der Adel ausgebildet. Auch die Bauern hätten theoretisch diese Möglichkeit gehabt, aber es ist offensichtlich, dass diese aufgrund ihrer ganztägigen Arbeit kaum die Zeit dazu gefunden hätten. Karl der Große war sich aber durchaus bewusst, dass eine einheitliche Bildung und Ausbildung für ein Reich unerlässlich war. Die „artes liberales“, die sieben freien Künste (Trivium: Grammatik, Rhetorik, Dialektik; Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), wurden zwar nur an den Kloster- und Domschulen unterrichtet, es handelte sich hierbei aber um Künste, die nicht dem Gelderwerb dienten. Der einfache Mensch des Mittelalters benötigte sie also nicht. Diese Einordnung geht auf antike Philosophen zurück und war gut bekannt.

Auch die Texte der Antike waren nicht komplett verloren gegangen. Sie befanden sich sowohl in Klosterbibliotheken wie auch in privaten Sammlungen von Adligen. Sie waren damit kein Exklusivbesitz der Kirche. Dass der einfache Bauer oder Arbeiter hierfür keine Verwendung fand ist wenig verwunderlich wenn man sich vor Augen führt, wie hart und lang ihr Arbeitstag war.

Wir haben hier also eine Oberschicht aus adligen Familien, deren Abkömmlingen entweder eine geistliche oder weltliche Laufbahn einschlagen konnten. Diese Schicht vereinte Wissen, militärische, kulturelle und ökonomische Macht. Diese Machtstellung wurde erst durch die immer mächtiger werdenden Städte und die Kaufleute gefährdet. Mit einer Zurückhaltung des Wissens seitens der Kirche hat dies aber rein gar nichts zu tun. Das Wissen war da, konnte sich aber noch nicht so breit durch alle Schichten verbreiten wie dies heute der Fall ist. Es lagerte aber auch nicht in den Kellern der Klöster und Kirchen um es neugierigen Augen unzugänglich zu machen. Die karolingische Renaissance zeigte deutlich, dass es lediglichentsprechender Strukturen bedurfte, um das Wissen „an den Mann zu bringen“.

Ein gutes Beispiel dafür, dass die Bevölkerung gerade der Städte durchaus selbst denken konnte, waren die verschiedenen Bewegungen im 10. und 11. Jahrhundert, wie die Katharer und die Waldenser. Hier wurden nicht in erster Linie Geistliche aktiv, sondern Bürger in den Städten. Die Stadtkultur in Frankreich war mit dem Ende des römischen Reiches keineswegs verschwunden. Viele Städte existierten weiter. Das enge Zusammenleben vieler Menschen führte zu einem regen Austausch und Diskussionen. Diese Bevölkerung begann, sich zu emanzipieren von der führenden Oberschicht. Eigene Ideen und Überlegungen kamen auf. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Kirche aktiv, da sie diese neuen Bewegungen als Gefahr für sich selbst ansah. Die Päpste dieser Zeit handelten aber nicht deswegen so rigoros, weil sie die Verbreitung von Wissen kontrollieren wollten, sondern weil die Bewegungen eine Konkurrenz zur römischen Kirche darstellten. Die Bezeichung der katharischen Bewegung als Krankheit geht darauf zurück, dass die Kirche wirklich davon überzeugt war, dass die Christenheit in Gefahr war.

Abschließend ist zu sagen, dass die Kirche keineswegs die Politik verfolgte, durch das Zurückhalten von Wissen ihre Macht zu sichern. Viele Menschen hatten einfach keinen Zugang zur Bildung, weil die entsprechenden Strukturen nicht vorhanden waren und weil körperliche Arbeit den Großteil des Tages bestimmte. Wir können vielmehr eine elitäre Oberschicht erkennen, die aus Adel und Klerus bestand. Aufgrund ihres Reichtums war es ihnen überhaupt erst möglich, sich beispielsweise mit den „artes liberales“ zu beschäftigen.

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