Die Kirche und der Krieg

Krieg und Tod nahmen im Mittelalter eine sehr zentrale Rolle ein. Es gab zahlreiche Bedrohungen und gleichzeitig nur wenig, was man dagegen unternehmen konnte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen des Mittelalters ebenso zahlreiche Gedanken darüber machten, was sie nach dem Tode erwarten würde. Im christlichen Europa verfasste eine ganze Reihe von Geistlichen Texte zu diesen Themen. Einen besonderer Schwerpunkt bildeten hier die christlichen Werte, die essentiell waren für eine spätere Aufnahme in das Himmelreich. Die Gebote mussten eingehalten werden, um am Tag des jüngsten Gerichts entsprechend beurteilt zu werden. Hinsichtlich der hohen Ideale, die hier gefordert sind, lohnt ein näherer Blick auf den Stand des Mittelalters, der in gewisser Regelmäßigkeit unter anderem gegen das fünfte Gebot verstieß – das Rittertum, die elitäre Kriegerklasse der mittelalterlichen Gesellschaft. Da der sogenannte Wehrstand aber ein notwendiger Bestandteil der christlichen Welt darstellte, gibt es in mehreren Texten Versuche, die Gewalt zu rechtfertigen, zu idealisieren oder sie gar in gewünschte Bahnen zu lenken. Zur gleichen Zeit gab es aber auch ganz gegenteilige Ansichten, die den Rittern für ihre schweren Verfehlungen anderen Menschen gegenüber ewige Höllenqualen prophezeiten. Die Kirche des 13. Jahrhunderts bemühte sich zunehmend darum, die ausufernde Gewalt etwas einzugrenzen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Einführung des Gottesfriedens, der die Ausübung von Gewalt seitens Adliger an bestimmten Tagen (beispielsweise an Feiertagen) untersagte. Es gab genaue Regeln, wann ein Krieg gerechtfertigt war („bellum iustum“). Er war es insbesondere dann, wenn er zur Verteidigung oder Wiederherstellung geltenden Rechts geführt wurde.

Die Idealisierungen und Rechtfertigungen sind aber weit zahlreicher zu finden. Zum einen ist hier die Kreuzzugsdichtung zu nennen. Der Kampf gegen Heiden war nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Die Teilnahme an den Kreuzzügen wurde seitens der Kirche nicht nur mit der Vergebung der vergangenen, sondern sogar der zukünftigen Sünden in Aussicht gestellt. Noch günstiger war es, wenn der christliche Streiter im Kampf gegen die Ungläubigen zu Tode kam. Kreuzzüge wurden jedoch nicht nur im heiligen Land zum Kampf gegen die Sarazenen geführt, sondern auch in christlichen Gebieten. Berühmt ist der Albigenserkreuzzug. Dieser wurde gegen die Bewegungen der Katharer und Waldenser in Südfrankreich geführt. Nachdem die von Dominikanern durchgeführte Inquisition nur zu mäßigen Ergebnissen geführt hatte, rief Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die Bewegungen auf. Es kam nun also dazu, dass ein bewaffnetes Kreuzfahrerheer begann, im christlichen Südfrankreich zu operieren. Wie kaum anders zu erwarten, beschränkte sich die Gewalt schon bald nicht nur auf die Häretiker. Das Problem war, dass die Häretiker fest in die bestehenden Gemeinschaften Südfrankreichs eingebunden waren und von den Fürsten und sogar Geistlichen der Region geschützt wurden. Zumeist war es den Kreuzfahrern daher nicht möglich, zwischen Christen und Ketzern zu unterscheiden. Besonders bekannt ist das Massaker von Beziers, in dem die Stadtbevölkerung getötet wurde. Gerechtfertigt wurde dieses Vorgehen durch den anwesenden päpstlichen Legaten Arnaud Amaury mit den Worten „Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen schon erkennen.“ Hier wurde also sogar das Töten von Christen seitens eines Vertreters des Papstes legitimiert.

Es ist deutlich zu erkennen, dass die Kirche im Mittelalter nicht eindeutig Stellung zum Thema Krieg bezog. Zum einen kritisierte sie die Gewalt, drohte gar mit ewiger Verdammnis. Auf der anderen Seite räumte sie eine ganze Reihe von Ausnahmen ein und belohnte die Gewalt gegen Andersgläubige sogar mit dem Sündenerlass. Erklären lässt sich dies hierdurch, dass auch die Kirche die Realität der Welt nicht durch Lehrsätze und Appelle ändern konnte. Sie befand sich häufig in dem Dilemma, dass sich hochstehende und einflussreiche Persönlichkeiten in der Situtation befanden, Krieg führen zu müssen. Prominente Beispiele hierfür sind Wilhelm der Eroberer aber auch die Könige, die im hundertjährigen Krieg Feldzüge gegen andere christliche Heere führten. Und nicht selten waren Geistliche auch weltliche Machthaber, die im Kriegsfall Soldaten zur Verfügung stellen und anführen mussten. Hier mussten Rechtfertigungen gefunden werden, um die Herrscher nicht zu verprellen bzw. um ihre Macht zugunsten der Kirche auch weiterhin nutzen zu können und die geistlichen Befehlshaber dennoch in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. Es war sicher kein Zufall, dass Wilhelm der Eroberer an der Stelle der Schlacht von Hastings ein Kloster gründete. Zuvor hatte er durch den Papst ein geweihtes Banner und somit quasi die Erlaubnis zu seinem Feldzug gegen Harold Godwinsson erhalten. Darüber hinaus betrieb auch die Kirche Machtpolitik. Dies erforderte häufig auch Krieg, teilweise führten auch Päpste eigene Armeen ins Feld.

Abschließend ist zu sagen, dass sich die zunächst seltsam anmutende Gradwanderung der Kirche dadurch erklären lässt, dass die Kirche keine rein geistliche, sondern auch eine weltliche Macht darstellte und aktiv in der Politik mitmischte. Und um weltliche Machtinteressen durchzusetzen, waren im Mittelalter häufig Kriege erforderlich. Auch gegen Christen. Diesen Gegensatz zu relativieren, darum sind die mittelalterlichen Autoren an vielen Stellen bemüht.

Daniel Ossenkop

Quelle:

Peter von les Vaux-de-Cernay: The History of the Albigensian Crusade. Übers. W.A. Sibly und M.D. Sibly. Neudruck 2000,2002. Woodbridge 1998.

Sekundärliteratur:

Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin 2004.

Fried, Johannes: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. Ungekürzte Ausgabe 2011. München 2008.

Göttert, Karl-Heinz: Die Ritter. Stuttgart 2011.

Ohler, Norbert: Sterben und Tod im Mittelalter. Ungekürzte Ausgabe. München 1993.




Flattr this

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s