Das Mittelalter und seine Wahrnehmung in der Moderne

An was denken Sie, wenn man Sie heute nach ihrem Bild vom Mittelalter fragen würde? Vielen kommen sicherlich sofort Ritter und Burgen in den Sinn, Burgfräulein und Minnesänger. Ein romantisches Bild von Vollmondnächten, in denen der Ritter seine Angebetete umwirbt und ihr bei einem Turnier seine Dienste anbietet. Viele heute zu besichtigende Burgen scheinen dieses Bild zu stützen und auch die zahlreichen Reenactments und Mittelaltermärkte lassen das Mittelalter als eine zwar rauhe, aber doch ursprüngliche und sogar romantische Zeit erscheinen.Doch war dies wirklich so?

Dieses Bild scheint sich den Menschen tief eingeprägt zu haben. Ich war selbst überrascht, als im Zuge einer Diskussion an der Universität einige Kommolitonen das Schloss der „Harry Potter“-Filme als historisch korrekt bezeichneten. Zumindest so lange, bis mir bewusst wurde, dass dieses Bild alles andere als eine Erscheinung unserer heutigen Zeit ist. Die schon angesprochenen Burgen die sich heute majestätisch, besonders an der Mosel, erheben sind keine Bauten des Mittelalters sondern wurden im 19. Jahrhundert wieder aufgebaut. In dieser Zeit gab es in deutschen Landen ein besonders romantisches Bild vom Mittelalter.  Nach der Erfahrung des gemeinsamen Sieges gegen Napoleon Bonaparte versuchte man, eine gemeinsame Vergangenheit zu finden. Neben dem Sieg des Arminius (im 19. Jhd. „Hermann“ genannt) fand man diese besonders im deutschen Mittelalter. Herrscher wie Friedrich Barbarossa wurden zu strahlenden Helden stilisiert, das Leben im Mittelalter idealisiert. Die Burgen sollten all dies wiederspiegeln. Man sollte sich also bewusst darüber sein, dass man heute nur selten eine originalgetreu mittelalterliche Burg besichtigt. Bei den verfallenen Ruinen sieht dies freilich anders aus.

Über Mittelaltermärkte ist schon viel geschrieben und diskutiert worden. Es geht mir an dieser Stelle auch nicht darum, sie zu kritisieren. Diese Märkte haben zumeist nicht den Anspruch kompletter Authentizität und könnten diese auch gar nicht liefern. Hier geht es um ein gemeinschaftliches Erlebnis und das Hineinschlüpfen in verschiedene Rollen. Der Besucher lässt sich gerne in eine andere Welt entführen. Es fällt allerdings auf, dass viele der Besucher so beeindruckt zu sein scheinen, dass sie das Dargestellte für die Realität des Mittelalters halten.

Man muss immer bedenken, dass das, was wir heute in Ausstellungen und bei Veranstaltungen sehen können, dem durch die Brille unserer Zeit gesehenen Mittelalter entspricht. Zunächst war die Mentalität in der damaligen Zeit eine ganz andere als heute. Uns modernen Menschen fällt es schon schwer, die Mentalität der Menschen zur Zeit des ersten Weltkriegs nachzuvollziehen. Wie schwierig ist dies dann für die Zeit des Mittelalters? Wir können wenn überhaupt nur erahnen, wie die Menschen damals gedacht und gefühlt haben. Wissenschaftlich lassen sich Gedanken und Gefühle zumindest nicht nachweisen. Man sollte aber bedenken, dass die Menschen damals Tod, Entbehrung, Gewalt und Krankheiten wesentlich schutzloser ausgeliefert waren als wir heute. Der Tod war allgegenwärtig und integraler Bestandteil der Gesellschaft. Zusätzlich waren die Menschen sehr viel religiöser und haben sich viele Dinge, die wir heute wissenschaftlich erklären, mit Hilfe der Religion erklärt. Wir müssen uns auch klar machen, dass die Menschen all diesen Dingen von ihrer Kindheit an ausgeliefert waren. All diejenigen, die die gefährliche Kindheit überstanden hatten, verfügten wahrscheinlich über eine herausragende Konstitution. Aus diesem Grund werden sie mit weit härteren Gegebenheiten fertig geworden sein, als wir heute in der Lage wären.

Alles in allem war das Mittelalter sehr viel härter, hässlicher und vor allem viel weniger wohlriechend als es heute in den meisten Fällen dargestellt wird. Viele der Elemente, die sich heute in den Vorstellungen finden, waren zwar vorhanden, jedoch meistens in anderer Form. Die Menschen lebten in einem sehr schwierigen und unsicheren Zeitalter. Vielleicht sollte man sich das das ein oder andere Mal ins Gedächtnis rufen, wenn wir irgendwo einer Darstellung begegnen, die das Mittelalter realitätsgetreu zeigen soll. Gerüche, Seheindrücke, Gefühle und auch Erfahrungen können eben nicht simuliert werden.


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Ein Kommentar zu “Das Mittelalter und seine Wahrnehmung in der Moderne

  1. Paps sagt:

    Das Mittelalter war durch das alltägliche Leben geprägt. Dazu gehörte neben den im Text geschilderten Umständen aber auch einiges Schöne. Gedichte und Lieder gehörten dazu. Große Kunstwerke uind Bauten sind ebenso zu nennen. Jedenfalls regt dein Text zum Nachdenken über unser Leben an, dass doch so schwierig, gefahrvoll und sinnlos scheint.

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