Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

Hakenbuechse

Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

Liebe und Lust im Mittelalter

Zwei Themen, die auf den ersten Blick eher in eine sehr bekannte Fernsehserie zu passen scheinen als in das prüde und gottesfürchtige Mittelalter. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch lebten auch im Mittelalter „ganz normale“ Menschen. Dürfen wir einem großen Teil der höfischen und theologischen Literatur also uneingeschränkt Glauben schenken?

Das höfische Ideal

Andauernde Verehrung und immer neue Annäherungsversuche, um dann doch nicht zum Zug zu kommen – so sah das Ideal in der höfischen Dichtung aus, zu sehen beispielsweise in der Manessischen Liederhandschrift. Selbst Demütigungen sollte der Verehrer geduldig hinnehmen. Er sollte dabei stets gepflegt und gut gekleidet auftreten. Es ging dabei vornehmlich um Selbstbeherrschung und Disziplin, beides unverzichtbare Eigenschaften für den Stand, der die Führungsrolle in der Gesellschaft beanspruchte.1

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„Von Obernburg“, Miniatur im Codex Manesse, fol. 342v

Dass es sich hierbei nicht um die Wirklichkeit handelte, muss sicher nicht gesondert hervorgehoben werden. Das Ideal lässt aber Rückschlüsse darauf zu, wie es in der Wirklichkeit ausgesehen hat. Gerade die sehr übersteigerte Darstellung die Selbstbeherrschung und des gepflegten Auftretens lässt hinsichtlich der wahren Verhältnisse einiges erahnen.

Lehnte die Kirche Liebe und Lust kategorisch ab?

Die römische Kirche vertrat gegenüber dem Liebesspiel, selbst dem verheirateter Paare, in der Tat eine ablehnende Haltung. Mal abgesehen davon, dass der Mann in der Liebesnacht den Manipulationsversuchen der Frau hilflos ausgeliefert sei galt die Sexualität als die allererste Sünde, die aus der Vertreibung aus dem Paradies resultierte.2

Doch gab es auch andere Stimmen:

„Die Überfülle der Erfreuung, die im Liebesvollzug gemäß seiner rechten Hinordnung ist, widerspricht nicht der Mitte der Tugend.“3 – Thomas von Aquin (1225 – 1274)

„Die Freude des Koitus ist nicht in sich lasterhaft, sondern natürlich und von Gott eingesetzt.“4 – Dionysius der Kartäuser (1403 – 1471)

Laut einigen Geistlichen war also Sexualität innerhalb der Ehe nicht zwangsläufig sündhaft.

Lust und Risiko

Doch selbst wenn es innerhalb der Geistlichkeit Stimmen gab, die dem Ausleben der Lust innerhalb der Ehe immerhin positive Aspekte abgewinnen konnten, Sex außerhalb der Ehe war ein ganz anderes Kapitel. Es gab ihn, doch waren damit stets Risiken verbunden – vor allem für die Frauen. Verhütungsmittel gab es zwar in Form von Salben, Tampons u.ä., aber wirklich zuverlässig wirkten diese nicht. Dasselbe lässt sich über die damals üblichen Abtreibungsmethoden sagen, die zudem nicht ungefährlich waren. Häufig wurden zu diesem Zweck pflanzliche Mittel verwendet. Schwangerschaften waren im Mittelalter stets riskant, doch eine außereheliche Schwangerschaft brachte weitere Probleme mit sich. Nicht selten starb die Mutter aufgrund von Komplikationen bei der Geburt des Kindes. Wenn sie überlebte, hatte es eine alleinstehende Mutter nicht leicht. Wirklich anerkannt wurde sie nirgends, häufig sogar verstoßen.5

Gleichgeschlechtliche Liebe

Homosexualität war auch im Mittelalter nichts neues, wohl aber die gesellschaftliche Reaktion darauf. Während sie in der Antike noch akzeptiert war und offen ausgelebt werden konnte, wurde sie im Mittelalter mit Auspeitschen, Verbannung oder gar Verbrennung bestraft. Verantwortlich für diese Sichtweise war vor allem die Kirche, die gleichgeschlechtliche Liebe als eine Form der Ketzerei betrachtete. Der Straftatbestand wurde als Sodomie definiert, basierend auf den biblischen Geschichten über die sündhafte Stadt Sodom. Berühmtestes Beispiel für den Vorwurf der Sodomie mit anschließendem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist der Prozess gegen die Templer Anfang des 14. Jahrhunderts.

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Templer auf dem Scheiterhaufen; Illustration, anonyme Chronik, „Von der Schöpfung der Welt bis 1384″

Prostitution

Das älteste Gewerbe der Welt war auch im Mittelalter fast überall vertreten. Es handelte sich zwar nicht um einen besonders angesehenen Beruf, doch gab es reichlich Dirnen und die Nachfrage nach ihren Diensten war enorm. Es gab in so gut wie jeder Stadt Bordelle (damals Frauenhäuser genannt). Darüber hinaus boten auch „wilde“ Dirnen illegal ihre Dienste an, vor allem in Wirtshäusern und Badestuben. Geschlechtskrankheiten spielten übrigens noch keine bedeutende Rolle. Die Syphilis wurde beispielsweise erst von den Seeleuten des Kolumbus am Ende des 15. Jahrhunderts aus der Karibik eingeschleppt. Die Prostitution wurde von den Autoritäten durchaus geduldet. Es herrschte die Meinung vor, dass die Männer sich weniger an „ehrbaren“ Frauen vergehen würden, wenn sie ihre Triebe auf diese Art befriedigen konnten. So tolerierten sowohl die Kirche als auch die jeweiligen Herrscher die Anwesenheit der Dirnen. An Sonntagen oder während der Fastenzeit mussten allerdings alle Prostituierten die Stadt verlassen.6

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Monogrammist (Braunschweiger), 2. Viertel 16. Jahrhundert. Bordellszene. Öl/Eichenholz, 32,7 x 45,5 cm. Frankfurt, Städelsch. Kunstinstitut

Dirnen verdingten sich nicht nur in den Städten selbst, sondern auch an den Höfen der Adligen. Hier gab es darüber hinaus häufiger den Fall, dass Adlige außereheliche Verhältnisse mit Frauen eingingen, die beispielsweise als Bedienstete tätig waren.

Das Mittelalter – alles andere als prüde und nicht immer romantisch

Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, in der das Leben meist kurz und hart war, Bedürfnisse trotz aller Verbote und Richtlinien möglichst ausgelebt wurden. Adel und Klerus waren sich dessen nicht nur bewusst, sie waren selbst Teil dieser Lebenswelt und gingen öffentlich Kompromisse ein, wo sie sie als sinnvoll erachteten. Es gab durchaus wahre Liebe, ausgelebte Lust, treusorgende Ehemänner und edle Frauen. Gleichzeitig gilt es im Hinblick auf das im Mittelalter vorherrschende Frauenbild zu beachten, dass Männer ihnen in der Regel rechtlich übergeordnet waren. Dazu kamen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Menschen bisweilen keine andere Möglichkeit hatten, als den Wünschen ihrer Herren zu entsprechen. Es kam immer wieder zu Übergriffen, die meist nur schwer nachgewiesen und nur selten geahndet werden konnten- sofern sie dem Gesetz nach überhaupt als illegal eingestuft wurden. Auch der Umgang mit Homosexuellen erscheint (nicht nur) aus heutiger Sicht schrecklich.

1Vgl. Wand-Wittkowski, Christine (2016). S. 11-12.

2Vgl. Ebd. S. 15-16.

3cf. Ebd. S. 16.

4cf. Ebd.

5Vgl. Ebd. S. 22-23.

6Vgl. Ebd. S. 26-29.

Literatur: Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Buchvorstellung: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter

9783849811525Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Umrankt von Mythen, Legenden und in zahlreichen Filmproduktionen fantasievoll ausgeschmückt stellt das Leben an den Höfen des Mittelalters seit jeher einen wesentlichen Aspekt der Beschäftigung mit der Epoche dar. Ob Prinzessin, Burgfräulein oder tapferer Ritter – an Stereotypen mangelt es in dieser Hinsicht wirklich nicht. Christine Wand-Wittkowski widmet sich in ihrem neuesten Buch diesem Thema auf der Grundlage eines bemerkenswert umfangreichen Fundus zeitgenössischer Quellen.

Thematisch deckt die Autorin so ziemlich jeden Aspekt des höfischen Lebens ab. Liebe, Leidenschaft, Mode, Bildung und Dichtung, aber auch Intrigen, Prostitution, Gier und niedere Gelüste werden im Detail behandelt. Der dichterischen Idealvorstellung entsprach die höfische Gesellschaft eben gerade nicht, genauso wenig wie sie aber jederzeit die höllische Schlangengrube gewesen wäre, als die sie in einer aktuellen Fernsehserie dargestellt wird. Apropos höllisch: Die Rolle der Kirche wird ebenfalls ausführlich behandelt. Und diese war durchaus gespalten, wenn es beispielsweise um die Frage der Liebe und die Ausübung der ehelichen Pflichten ging.

Interessant ist insbesondere, dass sich die Autorin neben den bereits im Mittelalter existierenden Idealvorstellungen über das Leben am Hof mit der persönlichen Wirklichkeit der mittelalterlichen Menschen befasst. Wie sah die Realität aus? Wie fühlten und benahmen sich die Adligen des Mittelalters? Aufschluss darüber geben die zahlreichen Briefe und persönliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit, die die Autorin den Idealen aus der Dichtung gegenüberstellt. Die Ergebnisse sind durchaus erhellend. Wer würde gerade vom englischen König Heinrich VIII. erwarten, dass er seinen Frauen tausende Liebesbriefe schrieb, um so dem Ideal des leidenden Liebhabers gerecht zu werden? Wer hätte gedacht, dass die Adligen anscheinend sogar Bauern ob ihres zwanglosen gesellschaftlichen Lebens beneideten? Diese interessanten Anekdoten (und noch viele mehr) lassen die Lektüre sehr kurzweilig werden und sorgen immer wieder für Aha-Erlebnisse.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der einen Einstieg in die faszinierende Welt höfischer Vorstellungs- und Lebenswelten sucht. Das Buch nimmt den Leser mit in eine Welt, die ebenso faszinierend wie fremdartig anmutet und gleichzeitig die Grundlage für das gehobene gesellschaftliche Leben in den nachfolgenden Jahrhunderten legte. Es ist dabei jederzeit sehr angenehm und unterhaltsam zu lesen und bietet dank seiner umfangreichen Literaturliste zahlreiche Möglichkeiten, tiefer in die Materie einzutauchen.

Die Bedeutung der Wappen für die Welt des Mittelalters

Jeder kennt sie: Die farbenprächtigen und kunstvollen Wappen, die nicht nur im Mittelalter von den Reichen und Mächtigen geführt wurden. Sie kennzeichnen nicht nur einzelne Mitglieder einer Dynastie, sie dienen in Form der  eindrucksvollen Wappenrollen auch als Nachweis einer gehobenen Abstammung. Was heute wie selbstverständlich mit dem Mittelalter verbunden wird, entwickelte sich bereits sehr viel früher. Eine Entwicklung, die keineswegs zusammen mit der Epoche ihr Ende fand. Woher kamen die Wappen? Welchem Zweck dienten sie? Welche Bedeutung besaßen sie für die Menschen des Mittelalters?

Farben im grauen Schlachtgetümmel

Schlachten stellten die Feldherren jeder Epoche vor große Herausforderungen. Sobald zwei Armeen aufeinandertrafen wurde es fast unmöglich, einzelne Truppenteile voneinander zu unterscheiden. Bereits in der Antike griffen die Befehlshaber daher auf gewisse Hilfsmittel zurück. Die Soldaten einfarbig einzukleiden war dabei nur eine Methode. Flaggen und Standarten erwiesen sich als noch wirkungsvoller. So war immerhin ersichtlich, wo sich der Standartenträger und damit hoffentlich auch der Rest seiner Einheit befand.

Diese Notwendigkeit zur Kennzeichnung war auch für die Krieger des Mittelalters vorhanden. Nachdem die Ritter komplett geschlossene Rüstungen verwendeten, wurde es umso wichtiger, anhand eines genau bestimmten Symbols erkannt werden zu können. Dies spielte sowohl dann eine Rolle, wenn es zu der Zurechnung bestimmter Heldentaten kam als auch dann, wenn es um die Gefangennahme und damit verbundenen Lösegelder ging. Zudem war es für die Kämpfer außerordentlich wichtig, Feinde und Verbündete klar voneinander unterscheiden zu können.

Besondere Bedeutung besaßen die Wappen im Zusammenhang mit dem Turnier. Vor der Teilnahme musste der Ritter seine Abstammung anhand der bereits erwähnten Wappenrolle nachweisen. Diese wurde von Herolden genau geprüft. Während der Turniere dienten die Wappen, wie auch in der realen Schlacht, zur Identifizierung der einzelnen Teilnehmer.

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Wappenrolle aus dem 15. Jahrhundert

Die Wappen des Mittelalters

Da es wesentlich mehr Adelsfamilien gab als Heere in der Antike, wurden auch die Wappen immer ausgefallener. Wenn zwei Familien das selbe Wappentier verwenden wollten, musste es sich eben farblich unterscheiden. War auch die Farbe dieselbe, griff man auf weitere Bildelemente oder Schildformen zurück. Nach und nach wurden die Wappen immer komplexer und kunstvoller. Während sie zu Beginn noch vorwiegend aus geometrischen Mustern bestanden, fanden immer mehr Tiere, Fabelwesen und sogar ganze Szenen aus bekannten Sagen ihren Weg auf die ritterlichen Schilde. Und nicht nur dorthin. Auch die Rüstung und die Waffen wurden mit Kennzeichnungen versehen. Besonders eindrucksvoll kamen die Helmzieren daher, die vor allem auf Turnieren beeindrucken sollten. Über der Rüstung trugen viele Ritter zur Zeit des Hochmittelalters zudem ein mit dem Wappen versehenes Gewand. Auch die Pferde wurden häufig mit einem farbenprächtigen Wappenrock bekleidet.

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Hartmann von Aue im Codex Manesse – Idealbild eines Ritters

Herrschaftszeichen

Wappen kennzeichneten nicht nur einen Adligen, sie zeigten auch Besitzansprüche an. Wehte ein Banner über einer Burg oder auf einem bestimmten Teil Land, zeigte dies eindeutig an, wer hier Besitz beanspruchte. Daher auch die Geste, das Banner eines Feindes zu Boden zu werfen und sein eigenes an dessen Stelle zu setzen. Könige und Kaiser konnten das Recht verleihen, ihr jeweiliges Banner zu verwenden, um die Zugehörigkeit zum Herrscher zu symbolisieren. So erlaubte Kaiser Friedrich III. der Stadt Neuss 1474, das kaiserliche Banner zu verwenden – eine deutliche Geste in Richtung des burgundischen Herzogs Karl dem Kühnen, der die Stadt belagern wollte.

Das Führen eines Wappens

Es ist kaum erstaunlich, dass schon bald bestimmte Regeln gefunden werden mussten, um der immer größer werdenden Welt der Heraldik eine gewisse Ordnung zu geben. Zunächst war wichtig festzustellen, wer überhaupt ein Wappen führen durfte. Die Regelungen gingen dabei in den verschiedenen Reichen auseinander. In einigen Ländern waren Wappen dem Adel vorbehalten, anderswo durften sogar Bauern eines führen. Im Heiligen Römischen Reich konnten der Hofpfalzgraf das Recht zum Führen eines Wappens verleihen. In England und Wales war es streng verboten, ein Wappen ohne Erlaubnis zu führen. Innerhalb eines Landes durfte es zudem kein Wappen zweimal geben. Anders sah dies bei Mitgliedern zweier verschiedener Reiche aus. In diesem Fall war es zwar ärgerlich aber durchaus möglich, dass das selbe Wappen mehrmals vorhanden war.

Erkennungszeichen und Statussymbol

Das Wappen bis in unsere heutige Zeit wichtige Funktionen erfüllen und nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben spricht deutlich für ihre Funktionalität. Gleichzeitig stellen sie eine eigene Kunstform dar, die mit ihren prachtvollen Farben und einer Vielzahl von Symbolen, Fabelwesen, Tieren und sogar Figuren den Betrachter immer wieder in Erstaunen versetzen. Im Mittelalter, einer Zeit, in der nur die wenigsten Menschen Lesen und Schreiben konnten, stellten die Wappen meist die einfachste und effektivste Methode dar, Dynastien und ihre Mitglieder schnell identifizieren zu können. Dies wurde umso wichtiger, wenn es zu Versammlungen, Kriegszügen oder Belagerungen kam. Zudem konnten Wappen als Herrschaftszeichen Verwendung finden. Ihre Bedeutung für die höfische Welt des Mittelalters kann somit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Literatur:

Slater, Stephen: Wappen, Schilde, Helme. Eine farbig illustrierte Einführung in die Heraldik. Wien, 2004.

William Marshal – Der größte aller Ritter

Ritter, Turnierchampion, Berater von fünf englischen Königen, schließlich einer der mächtigsten Barone Englands – und nicht zuletzt ein Ritter, der trotz zahlreicher Kämpfe und Schlachten erst im stolzen Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes starb. Wer war dieser Mann, der in einer brutalen und unsicheren Zeit nicht nur überlebte, sondern einen beachtlichen sozialen Aufstieg schaffte?

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Wappen William Marshals

Eine traumatische Kindheit

Die Startbedingungen waren alles andere als vielversprechend. Sein Vater, John Marshal, war ein berüchtigter Warlord, der im englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Kaiserin Matilda gegen König Stephan ins Feld zog. Seine väterliche Liebe schien nicht allzu groß gewesen zu sein. Im Alter von nur fünf Jahren wurde William dem König als Garant für einen Waffenstillstand im Zuge der Belagerung von Newbury übergeben. John dachte jedoch nicht daran, sich an seine Zusagen zu halten. William wurde mehrmals vor die Mauern geführt und an den Galgen gestellt, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Einmal sollte er gar mit einem Katapult in die Burg geschleudert werden. Auch wenn letztlich keines dieser schrecklichen Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde, so müssen diese Erlebnisse für den kleinen Jungen traumatisch gewesen sein.1

Der junge Ritter

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Chateau de Tancarville

Als Zweitgeborener hatte William Marshal nur geringe Aussichten auf das väterliche Erbe. 1160, im Alter von 13 Jahren, reiste er daher nach Tancarville in der Normandie, um dort seine Ausbildung zum Ritter abzuschließen. 1166 wurde er zum Ritter geschlagen und hatte auch gleich Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei Neufchatel kam es zu einem durch Grenzstreitigkeiten ausgelösten Kampf, in dessen Verlauf sich der junge Ritter tapfer schlug. Doch Marshal musste lernen, dass ein Ritter nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen wurde. Er versäumte es, Gefangene zu machen, für die er Lösegeld hätte verlangen können. Außer Spott und Witzeleien seitens seiner Kampfgefährten musste er sich nun einem viel größeren Problem stellen: Obwohl den Tancarvilles verwandtschaftlich verbunden, wurde er aus dem Haushalt ausgeschlossen. Ein Ritter wurde eben nicht nur an seiner Tapferkeit gemessen. Sein Besitz bestimmte letztlich, wer er war.2 Die „History of William Marshal“ vermerkt dazu: „You are what you have got, and no more than that.“3

Das Turnier als letzter Ausweg

Als mittelloser Ritter hatte William Marshal nur wenige Optionen. Er besaß noch keinen großen Namen, konnte also nicht darauf hoffen, von einem anderen Fürsten ohne weiteres in seine Dienste übernommen zu werden. Ihm blieb nur eine andere, wenn auch hochriskante Möglichkeit: Die Teilnahme an einem Turnier. Die Turniere dieser Zeit lassen sich nicht mit denen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit vergleichen. Dies waren keine repräsentativen Veranstaltungen, auf denen sich der Adel in all seiner Pracht präsentierte. Im Grunde handelte es sich um Übungen für den Krieg. Verschiedene Gruppen kämpften mit scharfen Waffen auf einem Terrain, das nicht klar begrenzt war. Das Ganze konnte dabei durchaus länger dauern als nur einen Tag. Es ging jedoch nicht darum, den Gegner zu töten. Gefangene zu machen war das Ziel. Marshal kämpfte in seinem ersten Turnier bei Sainte Jamme ausgerechnet mit dem Aufgebot der Tancarvilles. Und er zeigte, dass er dazu gelernt hatte. Er machte zwei Ritter zu seinen Gefangenen, was ihm neben vier Schlachtrössern, diversen Packpferde und mehreren Rüstungen vor allem Respekt und Ansehen einbrachte.4

Im Dienst des Königshauses

Williams Erfolge machten ihn mit einem Schlag für die Fürsten interessant, die stets nach bekannten Rittern Ausschau hielten. So wurde er Teil des Gefolges des Patrick von Salisbury. Mit diesem begleitete er 1168 die englische Königin, Eleonore von Aquitanien, auf ihrer Reise nach Poitou. Die Gegend war berüchtigt für die dort schwelenden Konflikte. Und tatsächlich wurde die Gruppe von Rittern unter der Führung der Brüder Geoffrey und Guy von Lusignan5 angegriffen. William und der Rest der Ritter um Patrick von Salisbury stellten sich trotz ihrer geringen Zahl und nicht angelegten Rüstungen den Angreifern entgegen, um der Königin die Flucht zu ermöglichen. Patrick wurde getötet, Marshal geriet schwer verwundet in Gefangenschaft. Ausgelöst wurde er schließlich durch die Königin, die ihn kurz darauf in ihr persönliches Gefolge aufnahm.6

1170 wurde William Marshal zum „Tutor in Arms“ des jungen Königs Heinrich ernannt. Mit diesem sollte ihn letztlich eine langjährige und innige Freundschaft verbinden. Marshal war nicht nur Mentor des Königs, sondern nahm mit ihm überaus erfolgreich an einer Vielzahl an Turnieren teil. Er unterstützte ihn zudem in seinen zwei Rebellionen gegen seinen Vater, die jedoch scheiterten. Nach dem Tod Heinrichs 1183 reiste Marshal ins heilige Land, um den Mantel seines Herrn und Freundes nach Jerusalem zu bringen. Nach seiner Rückkehr trat er 1186 in den Haushalt König Heinrichs II. ein, gegen den er nur wenige Jahre zuvor gekämpft hatte.7

Richard the Lionheart

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Richard Löwenherz, Darstellung aus dem 12. Jhd.

Richard, Sohn Heinrichs II., rebellierte ebenfalls gegen seinen Vater. Anders als sein Bruder Heinrich war Richard ein erfahrener Kommandeur. Er schaffte es schließlich, die Oberhand im Krieg zu gewinnen. 1189 nahm er Le Mans ein, die letzte Stadt des alten Königs. Dieser musste fliehen, um der Gefangennahme zu entgehen. William Marshal und William des Roches deckten den Rückzug ihres Herrn, der von seinem Sohn Richard verfolgt wurde. So kam es, dass Marshal und Richard Löwenherz direkt aufeinander trafen. William durchbohrte das Pferd Richards mit seiner Lanze, verschonte aber wohlweislich das Leben seines nur leicht gepanzerten Gegenübers. Heinrich II. entkam nach Chinon, wo er schließlich starb. William Marshal harrte bis zuletzt an seiner Seite aus.8

 

Richard Löwenherz nahm William noch im selben Jahr in seine Dienste auf und stimmte dessen Heirat mit Isabel von Clare zu. Dieser wurde somit der Herr von Striguil und damit ein Baron Englands. Mehr noch: Während Richards Kreuzzug ins Heilige Land diente William als Co-Justiciar Englands. Der einst mittellose Ritter hatte damit bereits jetzt einen sagenhaften Aufstieg erreicht.

William Marshal und König John

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König John, Darstellung aus dem 13. Jhd.

Richard wurde 1199 bei der Belagerung von Chalus von einem Armbrustbolzen tödlich getroffen. Sein Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder John. Marshal wurde zum Earl von Pembroke ernannt. Der Titel des Earl besaß eine besondere Bedeutung. Er stammte noch aus angelsächsischer Zeit und hob Marshal auf eine deutlich höhere gesellschaftliche Stufe.

 

Die nächsten Jahre waren bestimmt durch die wachsenden Ambitionen des französischen Königs Philipp Augustus. Nach und nach vielen immer mehr Gebiete an Frankreich. 1202 führte Marshal die Verteidigung der Normandie an. Trotz aller Bemühungen vielen 1204 Rouen, Chateau Gaillard und die Normandie an die Franzosen. 1205 kam es zu Uneinigkeiten zwischen König John und William Marshal, der sich zunächst aus dem Umfeld des Hofes zurückziehen musste. Erst 1212 kehrte er an die Seite Johns zurück. 1215 begann die Rebellion der Barone gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft des Königs. Diese erreichten noch im selben Jahr die Unterzeichnung der Magna Carta, die die Macht des Herrschers einschränken sollte.

1216 starteten die Franzosen unter ihrem König Louis eine Invasion Englands. Zu allem Überfluss starb der König noch im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich III. William Marshal blieb auch dieses Mal dem Thron treu. Er wurde zum Wächter des Reiches ernannt und übernahm im Alter von 70 Jahren die Führung der englischen Armee.

Die letzte Schlacht

1217 war ein schicksalhaftes Jahr für England. Die Franzosen standen mit ihren Truppen fest auf englischem Boden. Unterstützt wurden sie von einigen Baronen, die sich auf die Seite des französischen Königs gestellt hatten. Doch die Engländer um William Marshal waren fest entschlossen, sie zu vertreiben. Bei Lincoln sollte es zur Entscheidung kommen. Durch eine geschickte Ablenkungstaktik war es den Engländern möglich, sich einen Weg in die Stadt zu bahnen. In der Folge kam es innerhalb der Mauern zu einer fürchterlichen Schlacht. Angeführt wurden die englischen Truppen von William Marshal höchstpersönlich, der mit seinem Sohn an der Spitze ritt. Zwischen Burg und Kathedrale kam es zu einem erbitterten Kampf. Die Schlacht entschied sich schließlich dadurch, dass die Franzosen in Panik gerieten und die Flucht antraten. Nur 200 französische Ritter sollen der anschließenden Verfolgung entkommen sein. Am 13. Juni wurde ein Friedensvertrag geschlossen und König Louis wurde gestattet, das Land mit seinen restlichen Truppen zu verlassen.9

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Die Schlacht von Lincoln, Illustration aus dem 13. Jhd.

Das Ende

William Marshal starb 1219, nur zwei Jahre nach der Schlacht von Lincoln, in Caversham Manor. Zuvor löste er ein Versprechen ein, dass er bereits 1180 gegeben hatte: Er trat dem Templerorden bei. Sein Freund und der Templermeister von England, Aimery von St. Maur, führte die notwendigen Riten durch. Nach seinem Tod wurde sein Körper zur Reading Abbey gebracht, wo eine erste Messe abgehalten wurde. Am 18. Mai wurde er in einer feierlichen Prozession in London zur Westminster Abbey überführt. Seine letzte Ruhe fand er schließlich am 20. Mai 1219 in der Temple Church in London. Seine Frau Isabel starb nur ein Jahr später. Sie wurde nicht älter als 45 Jahre.10

Die Karriere von William Marshal war beispiellos. Die Bezeichnung als der „größte aller Ritter“ bezieht sich dabei nicht nur auf seine Taten im Kampf, sondern auch auf seine Erfolge im politischen und materiellen Bereich. Seine Körpergröße, Kraft, Mut und sehr stabile Konstitution machten ihn zu einem geborenen Kämpfer in einer Zeit, in der dem bewaffneten Kampf eine große Bedeutung zukam. Seine Intelligenz und sein Verständnis für politische Zusammenhänge ermöglichtem ihm, auch auf der politischen Bühne eine erfolgreiche Rolle zu spielen. Er stand stets fest an der Seite derjenigen, denen er Treue und Freundschaft geschworen hatte. Eine Tatsache, die selbst von seinen Feinden respektiert wurde. Er besaß damit eine Kombination aus Eigenschaften, die so bei kaum einem anderen Menschen seiner Zeit vorhanden waren. Dazu kam, dass ihm bei mehreren Gelegenheiten das Glück unter die Arme griff. So kam es, dass ihn bereits seine Zeitgenossen als den größten aller Ritter in Erinnerung betitelten.

Literatur:

Asbridge, Thomas: The Greatest Knight. The Remarkable Life of William Marshal, the Power behind five English Thrones. London, 2015.

1Vgl. Asbridge, Thomas (2015). S. 24-28.

2Vgl. Ebd. S. 54-58.

3Vgl. Ebd. S. 69.

4Vgl. Ebd. S. 63-69.

5Eben der Guy von Lusignan, der König von Jerusalem werden sollte und von Sultan Saladin in der Schlacht von Hattin besiegt wurde.

6Vgl. Ebd. S. 82-84.

7Vgl. Ebd. S. 384-385.

8Vgl. Ebd. S. 198-204.

9Vgl. Ebd. S. 353-361.

10Vgl. Ebd. S. 373-375.

Buchvorstellung: Die Liedersammlung Stuttgart

9783830933687Ebinger-Möll, Katrin: Die Liedersammlung Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. Don. A III 18. Edition und Kommentar. (Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit; 19). Waxmann, Münster, 2016.

Musik spielt in unserem Leben eine nicht wegzudenkende Rolle. Das war im Mittelalter nicht anders. Berühmte Lieder des Mittelalters haben ihren Weg bis in die moderne Musikwelt geschafft. Doch ging ihre Bedeutung häufig über die reine Unterhaltung hinaus. Kirchenlieder wurden nicht einfach nur gesungen, sie trugen und tragen jeweils eine ganz eigene theologische Bedeutung in sich. Viele von ihnen wurden im Laufe der Zeit inhaltlich und sprachlich immer wieder verändert. So ist es möglich, Lieder anhand ihres Inhalts oder ihrer sprachlichen Struktur zeitlich relativ genau einzuordnen. Editionen der ursprünglichen Versionen haben somit stets eine besonders wichtige Funktion. Nur durch eine genaue sprachliche und inhaltliche Analyse sowie den Vergleich unterschiedlicher Versionen wird es möglich, fundierte Aussagen über die Kirchenlieder des Mittelalters treffen zu können.

Die in der Württembergischen Landesbibliothek unter der Signatur Cod. Don. A III 18 untergebrachte Liedersammlung ist nun durch Katrin Ebinger-Möll ediert und kommentiert worden. Insgesamt hat sie 15 Lieder aus dem 16. Jahrhundert untersucht, die in einer Sammlung aus acht Pergamentseiten die Jahre überdauert haben. Es handelt sich mit einer Ausnahme um Weihnachtslieder. Geographisch stammen die Lieder aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Neben einer Transkription der einzelnen Lieder findet sich ein umfangreicher Kommentar, der auf die Bedeutung der einzelnen Elemente eingeht.Auch Überlieferungsgeschichte und eine sprachliche Analyse sind vorhanden. Interessant: Die Autorin hat die Entstehungsgeschichte untersucht und herausgefunden, dass nur das erste Drittel der Sammlung mit einer klaren Konzeption zusammengestellt wurde: Auf eine lateinische Cantio folgt stets eine volkssprachliche Version, die auf die selbe Melodie gesungen wurde. Später kamen immer neue Lieder hinzu, wobei das Weihnachtsmotiv als maßgebliches Auswahlkriterium gedient hat.Im Anhang befindet sich ein vollständiges Faksimile der Liedersammlung.

Es ist sehr erfreulich, eine so umfassende Edition dieser bisher nicht erfassten Liedersammlung in den Händen zu halten. Sie ist nicht nur für Historiker, sondern in besonderem Maße für Literatur- und Sprachwissenschaftler von Nutzen., da sie einen besonderen Schwerpunkt auf die sprachlichen Besonderheiten legt. Auch für Theologen bietet diese Edition viele nützliche Inhalte. Für jede Strophe der einzelnen Lieder erfolgt eine detaillierte Analyse und Erklärung der religiösen Motive. Durch das enthaltende Faksimile ist zudem ein Eigenstudium der einzelnen Lieder möglich.