Buchvorstellung: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones

9783806233506_1470125528687_xxlLarrington, Carolyne: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Übers. von Jörg Fündling. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2016.

„Dieses Buch zeigt, was passiert, wenn eine Spezialistin für mittelalterliche Literatur und Kultur sich die HBO-Serie Game of Thrones ansieht und George R.R. Martins Romanzyklus Das Lied von Eis und Feuer liest.“

Mit diesen Worten beginnt Carolyne Larrington ein Buch, das viele sehnsüchtig erwartet haben dürften. Historiker und Autoren historischer Romane sind seit langem gleichermaßen begeistert von der Verbindung von Fantasy und mittelalterlicher Geschichte, die in der populären Buch- und Fernsehserie auf einzigartige Art und Weise zu verschmelzen scheinen. Larrington widmet sich diesem Zusammenspiel und zeigt auf unterhaltsame Art und Weise interessante Parallelen und Unterschiede zwischen der Welt von Game of Thrones und der des realen Mittelalters auf.

Carolyne Larrington nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch die Welt von Game of Thrones. Sie führt in bildhafter Sprache an die nur zu gut bekannten Orte in Westeros: Den kalten Norden, die von Hexenmeistern und Untoten durchstreiften Gebiete jenseits der Mauer, die Herzlande und den von Intrigen und Rivalitäten zerrissenen Westen und Süden der sieben Königslande. Sie überquert mit uns die Meerenge und erweckt die mysteriösen und fremdartigen Inseln und Länder des Ostens vor unserem inneren Auge zum Leben. Zwischendurch lässt sie uns immer wieder innehalten und schlägt in spannenden Exkursen den Bogen in die Realität des Mittelalters, die sich in manchen Punkten gar nicht so sehr von Westeros unterscheidet. Dabei zeigt die Autorin außerdem, dass viele der Geschichten, die sich die Menschen in Westeros in kalten Nächten ehrfürchtig an ihren Feuern erzählen, ursprünglich der Glaubens- und Sagenwelt des Mittelalters entspringen. Der Unterschied ist, dass sie in der Welt George R.R. Martins nach und nach zur Wirklichkeit werden.

Als Grundlage dienen Larrington nicht nur die bisher insgesamt sechs Staffeln der HBO-Fernsehserie. Erfreulicherweise nimmt sie zusätzlich immer wieder Bezug auf die Romanvorlage, die ja in einigen Punkten deutlich von der Serie abweicht. Ein Detail, dass besonders langjährigen Fans von „Ein Lied von Eis und Feuer“ sehr wichtig sein dürfte. Kleines, aber feines Detail am Rande: Carolyne Larrington hat sogar daran gedacht, mögliche Spoiler zu kennzeichnen und den Leser so rechtzeitig zu warnen.

„Winter is Coming“ ist ein Buch, dessen Lektüre sich nicht nur für eingefleischte Fans lohnen dürfte. Dank zahlreicher Bezüge zu unserer Geschichte und sogar zu den aktuellen Entwicklungen unserer Zeit ist dieses Buch alles andere als ein Ergänzungsband zu den Romanen oder zur Serie. Vielmehr handelt es sich um einen wissenschaftlich fundierten, hervorragend recherchierten Führer durch die mittelalterliche Geschichte, die Reiche von Game of Thrones und die in beiden Welten so wichtigen Glaubensrichtungen.

Süße Düfte und sündhafter Gestank – Hygiene im Mittelalter

Hätten Sie gedacht, dass die Menschen des Mittelalters großen Wert auf Reinlichkeit gelegt haben? Dass üble Gerüche gar in Verdacht standen, tödliche Krankheiten auszulösen? Das Mittelalter wird nicht allzu häufig mit strengen Hygienestandards in Verbindung gebracht. Dabei waren Sauberkeit und ein gepflegtes Auftreten damals mindestens genauso wichtig wie heute.

Hygiene im Mittelalter und ihre Bedeutung für die Gesellschaft

„Die Beziehung zwischen Sauberkeit, Identität, Stolz und Achtsamkeit“1 war es, die das Thema Hygiene bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Bestandteil des Alltagslebens machte. In einer Welt, in der die Menschen nichts von Keimen als Auslöser von Krankheiten wussten, spielten Gerüche eine umso bedeutendere Rolle. Zwar waren üble Gerüche in den meisten Bereichen nicht zu vermeiden. Doch wurden sie, so gut es ging, bekämpft. Es war den Menschen des Mittelalters überaus wichtig, ihre Häuser und ihr Erscheinungsbild in Ordnung zu halten.

Wie penibel auf Sauberkeit geachtet wurde

Die Häuser und ihr Interieur wurden sorgfältig sauber gehalten. Die Böden wurden regelmäßig gefegt, die Arbeitsplatten abgewischt. Die Textilien wurden in harter Handarbeit gewaschen und anschließend zum Trocknen ausgelegt. Das Geschirr wurde nach jedem Gebrauch gereinigt. Grundsätzlich galt: Aus wessen Haus üble Gerüche drangen, der war gesellschaftlich unten durch. Das galt ebenso für das persönliche Erscheinungsbild. Körper und Kleidung mussten nach Möglichkeit in bestem Zustand sein. Und beides sollte gut riechen, sofern die Menschen nicht gerade körperlich arbeiteten.

Die Badekultur des Mittelalters

Für die persönliche Hygiene spielte vor allem das Waschen von Händen und Füßen eine bedeutende Rolle. Gebadet wurde in Flüssen und Seen. Vollbäder in Bottichen waren möglich, aber relativ teuer. Der Besuch von speziellen Badehäusern war ebenfalls eine beliebte Variante, wobei diese häufig im Bereich der Bordelle anzusiedeln waren.

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Szene aus einem Badehaus. (Abbildung aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus, 15. Jahrhundert).

Mehrmals pro Jahr in einem eigenen Becken zu baden war vor allem den Adligen vorbehalten. Der Einsatz von Duftstoffen und speziellen Kräutern machte diese Bäder zu etwas ganz besonderem. Einige Königspaläste besaßen sogar bereits im Mittelalter eigene Badezimmer, die gerne und oft genutzt wurden.

Neben der allgemeinen Körperhygiene spielte das Waschen der Haare mittels spezieller Kräutermixturen eine wichtige Rolle. Hierfür wurden ebenfalls Becken und Schüsseln verwendet. Außerdem war regelmäßiges Kämmen unerlässlich. Denn nur wenn das Haar ordentlich lag, konnten daraus überhaupt erst Frisuren geformt werden.

Wurden im Mittelalter die Zähne geputzt?

Durchaus! Allerdings erfolgte die Zahnreinigung etwas anders, als dies heute der Fall ist. Das Kauen von Süßholz und frisch riechenden Gewürzen war durchaus üblich. Da die Menschen des Mittelalters allerdings nichts über Kariesbakterien wussten, ging es hier in erster Linie um den frischen Atem. Immerhin etwas, oder?

Wie wurde die Wäsche gewaschen?

Ein sauberer Körper braucht saubere Wäsche. Zu diesem Zweck waren in den Städten Wäschereien angesiedelt, die die Reinigung im großen Stil übernahmen. Neben dem Walken der Stoffe mit Urin wurden bereits verschiedene Seifen verwendet. Diese waren allerdings sehr aggressiv und für die Haut nicht besonders gut verträglich. Der Beruf des Wäschers war somit ein hartes, der Gesundheit nicht gerade zuträgliches Geschäft.

Das Mittelalter – eine schmutzige Epoche?

Die Menschen des Mittelalters waren nicht weniger auf Hygiene bedacht, als wir das heute sind. Dass nicht das gleiche Hygienelevel erreicht werden konnte wie dies in den römischen Städten der Antike der Fall war lag vor allem daran, dass häufig keine flächendeckende Infrastruktur an Abwasserkanälen und Wasserleitungen vorhanden war. Die Technologie war zwar bekannt und wurde in den Palästen teilweise angewandt. Für den einfachen Bürger war sie aber zu aufwendig und zu teuer. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass die Menschen nichts von Viren und Bakterien wussten. Die Ausbreitung von Krankheiten wurde noch bis in das 18. Jahrhundert hinein an bestimmten Gerüchen festgemacht.

Dennoch: Für das gesellschaftliche Ansehen eines Menschen war ein gepflegtes und sauberes Auftreten bereits damals außerordentlich wichtig. Das galt gleichermaßen für den Körper, die Kleidung und das traute Heim. Der Mythos vom „dreckigen Mittelalter“ lässt sich also keineswegs bestätigen.

1cf. Mortimer, Ian (2015). S. 259.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

Vorurteile und Selbstbewusstsein – Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter

Frauen „wie im Mittelalter“ zu behandeln klingt nicht gerade erstrebenswert. Dass es sich bei dieser Aussage oft um eine relativ inhaltsleere Floskel handelt, dürfte den meisten klar sein. Wie war es um die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wirklich bestellt?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – wann und wo genau?

Zunächst muss der geographische und zeitliche Rahmen genauer definiert werden. Das mittelalterliche Europa gliederte sich in zahlreiche Gebiete mit durchaus unterschiedlichen Gebräuchen und Rechtsordnungen. Ich möchte mich in erster Linie auf das England des 14. Jahrhunderts konzentrieren.

Wie wurde die soziale Stellung im Mittelalter definiert?

Ein Mann war nicht einfach ein Mann. Er war Schmied, Ritter oder König. Die Frau dagegen wurde nicht ihrer Tätigkeit nach definiert, sondern ihrem Personenstand nach. War sie verheiratet, verwitwet oder noch unverheiratet? Gehörte sie vielleicht einem Nonnenkonvent an?

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Das Klosterleben bot Frauen ohne Ehemann eine weitere Perspektive. Millais – Das Tal der Stille. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Stand innerhalb der Gesellschaft. Dieser richtete sich einzig und allein nach dem ihres Ehemannes. War sie unverheiratet, war die soziale Stellung des Vaters ausschlaggebend.

Die Wurzel allen Übels und der Ungleichheit…..

lag, wenig überraschend, in der Bibel. Das Naschen von der verbotenen Frucht und das Verführen von Adam bildeten nach christlicher Vorstellung den Ausgangspunkt allen Übels, dem die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies ausgesetzt ist. Frauen wurden dementsprechend nicht nur als schuldig angesehen, sondern ihnen wurde unterstellt, den Männer in so gut wie allen Bereichen deutlich unterlegen zu sein.

Die Sexualität trägt nicht gerade zum Verständnis bei

Vielmehr wird sie nicht oder nur unzureichend verstanden. Vor allem von den Männern nicht. Die Liste der überlieferten Vorurteile zu diesem Thema ist ebenso lang wie haarsträubend. So wurde davon ausgegangen, dass eine Frau ohne einen Orgasmus kein Kind bekommen konnte. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was diese Annahme für schwangere Vergewaltigungsopfer bedeutete. Noch schlimmer war es, wenn die Täter einer höheren Gesellschaftsschicht entstammten. Diese anzuklagen, hatte so gut wie nie eine Erfolgsaussicht.

Das Leiden der Leibeigenen

Das Wohlergehen der Frauen hing ganz wesentlich davon ab, in welche soziale Schicht sie einheirateten. Leibeigene führten im Mittelalter meist ein elendes Leben. Frauen erging es hier ganz besonders schlecht. Starb ihr Ehemann, wurde die Frau nicht selten von ihrem Herren weiter verheiratet. Diese Zwangshochzeiten fanden nicht nur willkürlich statt, die Frauen hatten auch kaum die Möglichkeit, sich gegen gewalttätige Ehemänner zu wehren. Sie mussten ihren Männern sexuell jederzeit gefügig sein. Sie konnten sich von ihnen trennen, allerdings verloren sie in diesem Fall all ihren Besitz und besaßen kaum die Möglichkeit, anderswo Anschluss zu finden.

Die soziale Stellung der Frau brachte dennoch nicht nur Nachteile mit sich

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Christina de Pisan, wurde nach dem Tod ihres Ehemannes 1390 eine berühmte Schreiberin.

So hart die Lebensbedingungen für Frauen im Mittelalter auch waren: Es konnte unter bestimmten Umständen durchaus von Vorteil sein, eine Frau zu sein. Auch wenn sie den Männern untergeordnet waren, konnten Frauen im Mittelalter durchaus Eigenständigkeit erreichen. Witwen durften beispielsweise das Handwerk oder das Geschäft ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Zudem war es misshandelten Frauen möglich, ihre gewalttätigen Ehemänner vor dem Kirchengericht anzuklagen. Ein wichtiges Detail für kriminelle Paare: Wurden die Missetaten aufgedeckt, musste einzig der Mann dafür büßen. Die Frau konnte sich darauf berufen, nur auf Anweisung des Mannes gehandelt zu haben.

Frauen an den Herd?

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter wird heute oft abfällig damit kommentiert, dass sie sowieso nur für den Haushalt zuständig gewesen ist. Dieses Bild stammt allerdings vor allem aus den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter bedeutete die Verantwortlichkeit für den Haushalt weit mehr, als dem müden Ehemann Abends ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Die Frau kümmerte sich häufig um alle Abläufe, die den Haushalt betrafen. Die Kontrolle der Vorratshaltung, der Bediensteten und des gesamten Hauses und eventuell vorhandener Außengebäude lag in den Händen der Ehefrau. Sie trug damit für nicht weniger die Verantwortung als für das langfristige Überleben des gesamten Personenverbandes.

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter – ein differenziertes Thema

Wir wir sehen, gibt es nicht den einen Umgang mit Frauen im Mittelalter. Vieles hing davon ab, in welcher sozialen Schicht sich die Frau befand. Einer Königin erging es meist wesentlich besser als einer Leibeigenen. Die Frauen des Mittelstandes hatten oft keine allzu üblen Aussichten, auch wenn Gleichberechtigung weder bekannt war noch angestrebt wurde. Gleichzeitig war es möglich, dass Frauen unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig agierten und wichtige Positionen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft einnahmen.

Wie so oft kommt es eben auf den Einzelfall an. Generell lässt sich aber sagen, dass die Menschen des Mittelalters von einem gleichberechtigten Leben weit entfernt waren. Wichtiger war die vorgegebene, göttliche Ordnung, die um jeden Preis beibehalten werden musste.

Literatur:

Mortimer, Ian. Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende. München, 2015.

Waffen des Mittelalters: Brandsätze und Griechisches Feuer

Feuer: Lebenserhaltend und zerstörerisch zugleich. Ein Element, dass in der mittelalterlichen Kriegführung auf immer erfinderische Art und Weise Anwendung fand und mindestens so furchterregend war wie Schwerter und Äxte.

Der Ursprung des Feuers in der Kriegführung

Feuer wurde von der Menschheit seit jeher als Waffe eingesetzt. In der Antike kamen bereits sehr raffinierte Anwendungen zum Einsatz. Brennbare Pfeile und Katapultgeschosse waren gängige Praxis. Nicht nur gegen Armeen im Feld, selbst gegen mächtige Befestigungsanlagen entfaltete das Feuer seine zerstörerische Wirkung. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass auch die Krieger des Mittelalters auf das Feuer und verschiedene, brennbare Substanzen zurückgriffen.

Der Einsatz von Feuer gegen Befestigungen

Es gab mehrere Möglichkeiten, eine Mauer zum Einsturz zu bringen. Bestand sie aus Holz, konnte sie im Idealfall recht einfach in Brand gesteckt werden. Das galt ebenso für hölzerne Türen und Tore. Wurde Feuer in das Innere einer befestigten Siedlung geschleudert, konnten außerdem hölzerne Gebäude in Flammen aufgehen. Feuer stellte für jede Siedlung im Mittelalter die allergrößte Gefahr dar. Umso mehr wird deutlich, wie groß die Angst im Kriegsfall gewesen sein muss.

Tapisserie de Bayeux - Scène 19 : le siège de Dinan

Der Einsatz von Feuer gegen die hölzerne Mauer von Dinan, 1064. Darstellung auf dem Teppich von Bayeux.

Selbst Mauern aus Stein konnten einem Feuer zum Opfer fallen. Wurden Gänge unter die Mauern gegraben und dort ein großes Feuer entzündet, stürzte die Mauer nach einer Zeit in sich zusammen. Eine andere Methode sah vor, Löcher in die Wand zu bohren und heiße Luft hinein zu leiten. Zu diesem Zweck wurden Kohlen in tönernen Töpfen entzündet und die Hitze mit Hilfe von Eisenrohren in zuvor in die Mauer gebohrte Löcher geleitet. Dies führte schließlich dazu, dass die Steine platzten.1

Brennende Vögel und Katzen

Wie bereits erwähnt stellte ein Feuer innerhalb einer Siedlung stets eine große Gefahr dar. Die Quellen berichten in diesem Zusammenhang mit einigen sehr trickreichen, wenn auch brutalen Methoden, um eine Burg oder Stadt in Brand zu stecken.

Katzen und Vögel seien eingefangen und mit brennenden Materialien versehen worden. Die Autoren berichten weiterhin, dass die Tiere in Panik in ihre in der jeweiligen Befestigung befindlichen Unterschlüpfe fliehen würden und das Feuer sich dort ausbreiten könne.

Ob dies wirklich eine effektive Methode darstellte, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden.

Griechisches Feuer, arabische Naphta-Truppen und mongolische Granaten

Im 13. und 14. Jahrhundert tauchte in Europa das „Liber ignium ad comburendos hostes“ auf, verfasst von Marcus Graecus. In diesem Buch wird das berüchtigte Griechische Feuers erwähnt. Erfunden wurde diese extrem heiße und kaum zu löschende Substanz im siebten Jahrhundert von einem gewissen Callicinus und zunächst vor allem durch Byzanz verwendet. Die Byzantiner hüteten das Geheimnis der Herstellung mit allen Mitteln. Aus gutem Grund: Die Quellen berichten, dass Griechisches Feuer Stein und Eisen zu Staub werden lasse und selbst auf dem Wasser brennen würde. Zum Einsatz kam es vor allem auf den Schiffen der byzantinischen Marine. Aus einem bronzenen Rohr am Bug wurde das Feuer auf das feindliche Schiff gegossen.

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Einsatz des Griechischen Feuers zur See (12. Jhd.).

Es lassen sich außerdem Belege für kleinere Vorrichtungen finden, mit deren Hilfe griechisches Feuer von Soldaten im Nahkampf eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte Hand-Siphons wurden ähnlich den modernen Flammenwerfern eingesetzt.

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 Darstellung aus dem Codex Vaticanus Graecus, 1605.

Hierfür waren neben den Byzantinern vor allem die Araber berüchtigt. In ihren Armeen kamen die sogenannten Naphta-Truppen zum Einsatz. Diese Spezialeinheiten waren in feuerfeste Kleidung gehüllt und schleuderten das Feuer in zerbrechlichen Gefäßen aus Ton, Glas oder Metall auf den Gegner. Sie wurden häufig zusammen mit Bogenschützen eingesetzt.2 Die Westeuropäer kamen mit dem Griechischen Feuer buchstäblich erstmals im Rahmen der Kreuzzüge in Berührung. Sie waren es, die es anschließend nach Europa importierten.

Griechisches Feuer wurde außerdem mit der Hilfe von Trebuchets auf Befestigungen geschleudert. Zu diesem Zweck wurde es in zerbrechliche Kugeln gefüllt, angezündet und verschossen. Diese Technik wurde u.a. von den Mongolen verwendet, die im 13.Jahrhundert große Teile Europas und Asiens eroberten.

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Ein Trebuchet schleudert ein brennendes Geschoss. Harper’s New Monthly Magazine, No. 2229, Juni, 1869.

Die Herstellung des Griechischen Feuers

Die Zusammensetzung des Griechischen Feuers ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als Bestandteile von brennbaren Substanzen wurden im Mittelalter in erster Linie Teer, Terpentin, Petroleum, Öle, Schwefel, Wachs, Pech sowie die Fäkalien von Tauben und Schafen.3 Laut Marcus Graecus bestand das Griechische Feuer aus Schwefel, Pech, Petroleum, gewöhnlichem Öl, Sarcocolla und Sal Coctum. Letzteres ist besonders umstritten. Während die einen meinen, es würde sich um Salpeter handeln, halten es die anderen für normales Salz. Marcus Graecus erwähnt nicht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen. Dafür nennt er die drei Wege, wie das Griechische Feuer gelöscht werden kann: Mit Urin, Essig und Sand.4 Es empfahl sich also im Vorfeld einer Belagerung, die entsprechenden Stoffe bereit zu halten und besonders gefährdete Stellen rechtzeitig zu imprägnieren.

Chemische Kriegführung im Mittelalter

Neben der Hitze stellten die giftigen Gase des Feuers eine ernstzunehmende Gefahr dar. Im 13. Jahrhundert wurden mit einer Mischung aus Schwefel und schwelender Kohle hochgiftige Gase erzeugt. Konrad Kyeser empfahl im 15. Jahrhundert Schwefel, Teer und zerstoßene Pferdehufe.5 Wurden diese Gase in eine Befestigung oder ein Lager geleitet, waren die Auswirkungen meist fatal.

Feuer und Schwarzpulver

Schwarzpulver wird aus Salpeter, Schwefel und Kohle hergestellt. Zutaten, die bereits bei der Herstellung der verschiedenen, brennbaren Substanzen verwendet wurden. Roger Bacon entdeckte die Mischung Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa. Albertus Magnus entwickelte das Schwarzpulver 25 Jahre später dann noch einmal entscheidend weiter. Die neue Waffe war derart vielseitig einsetzbar, dass sie das Griechische Feuer in Europa weitgehend verdrängte. Neben der einfacheren Herstellung stellte vor allem die Explosivität des Pulvers einen bedeutenden Vorteil dar.

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Feuer und Explosionen – gängige Waffen des Mittelalters

Der Einsatz brennbarer und explosiver Substanzen auf den Schlachtfeldern des Mittelalters war nicht weniger ungewöhnlich als der von Schwertern und Bögen. Die Menschen nutzen das Feuer seid tausenden von Jahren. Seine Nutzung im Kampf war stets so naheliegend wie schrecklich für den Gegner. Letzten Endes verwendeten die Krieger des Mittelalters alles, was ihnen einen Vorteil und damit hoffentlich den Sieg verschaffte. Eine Strategie, die zur Entwicklung immer neuer Taktiken und Feuerwaffen führen sollte. Die Folgen sind heute nur zu gut bekannt.

1Vgl. Nossov, Konstantin (2012). S. 191-192).

2Vgl. Ebd. S. 193-197.

3Vgl. Ebd. S. 192-193.

4Vgl. Ebd. S. 199.

5Vgl. Ebd. S. 202.

Literatur:

Nossov, Konstantin: Ancient and Medieval Siege Weapons. A Fully Illustrated Guide to Siege Weapons and Tactics. Guilford, 2012.

Piraten des Mittelalters

Das drittälteste Gewerbe der Welt verhieß bereits seit der Antike all jenen ein Einkommen, die gewillt waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das ihre sowie ihre Besitztümer zu nehmen. Beute fanden die Seeräuber zu allen Zeiten reichlich, zur See wie an Land. Die grundsätzlichen Strukturen und Vorgehensweisen unterschieden sich im Mittelalter kaum von denen, die sich von 17. bis zum 18. Jahrhundert finden lassen- von der Waffentechnik einmal abgesehen.

Wikinger: Seeräuber des Nordens

Die Nordmänner waren wahre Meister der Kriegführung zur See und im Durchführen schneller Überfälle. Sogar Belagerungen und offene Schlachten fürchteten sie nicht. Ihre Unerschrockenheit brachte ihnen schnell einen furchterregenden Ruf ein. Zeitweise wurden sie gar als Strafe Gottes für die Sünden innerhalb der christlichen Königreiche betrachtet. Ihre Langschiffe waren allen anderen Schiffen ihrer Zeit weit voraus. Bei schneller Fahrt sorgte die Anordnung der Planken dafür, dass Luft unter den Rumpf geleitet wurde und sich dort zwischen Schiff und Wasser schob. So waren ungewöhnlich hohe Geschwindigkeiten erreichbar. Der geringe Tiefgang sorgte zudem dafür, dass die Wikinger selbst auf kleinen Flüssen Ziele erreichen konnten, die weit im Inland lagen.

Die Piratenschiffe des Mittelalters

Das Design der Langschiffe wurde von einigen Seefahrern noch lange Zeit beibehalten. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde vor allem die Kogge verwendet, die in unterschiedlichen Größen gefertigt wurde. Dieser Schiffstyp besaß einen größeren Tiefgang als das Langschiff und konnte weit mehr Ladung aufnehmen. Es war zwar langsamer als die Langschiffe, dafür aber weit stabiler. An Bug, Heck sowie am Hauptmast befanden sich Plattformen, von denen aus gekämpft werden konnte. In einer Seeschlacht nahmen die Koggen zunächst Fahrt auf und rammten anschließend das gegnerische Schiff. Anschließend kam es zum Kampf Mann gegen Mann. In manchen Fällen wurden Koggen beim Aufprall derart beschädigt, dass sie sanken. Für die Piraten war dies, zumindest bei Kaperfahrten, jedoch nicht das gewünschte Ziel.

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Kogge auf dem Siegel von Stralsund

Eustache le Moine – ein Mönch als Pirat

Eustache war ein flämischer Mönch, der im Auftrag der englischen Krone französische Schiffe überfiel. Er operierte vor allem von der englischen Südküste sowie den Kanalinseln aus. Seine Gier nach Beute ließ ihn jedoch bald auch englische Schiffe ins Visier nehmen. 1212 musste er aus England fliehen und stellte sich sogleich in den Dienst des französischen Königs Philipp II. In seinem Auftrag sollte er die geplante Invasion Englands anführen. In der folgenden Seeschlacht unterlag die französische Flotte allerdings. Eustache wurde gefangen genommen und noch auf See enthauptet.

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Eustache in der Schlacht von Sandwich 1217. Chronica Majora des Matthäus Paris (1200–1259).

Die Vitalienbrüder

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde der Nord- und Ostseeraum von einer Gruppe unsicher gemacht, die „Vitalienbrüder“ genannt wurde. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts taucht außerdem die Bezeichnung „Likedeeler“ auf, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet. Die Beute könnte also zu gleichen Teilen unter der Besatzung aufgeteilt worden sein, ähnlich den späteren Piratengenerationen.

Ursprünglich handelte es sich bei dieser Gruppe um Söldner, die keinen Sold erhielten. Stattdessen waren sie selbst dafür verantwortlich, sich ihre Beute zu sichern. Dies war derart lohnenswert, dass sie sich dieser Beschäftigung auch außerhalb offizieller Kriegszüge widmeten. Wer nun denkt, es hätte sich hierbei ausnahmslos um namenlose Räuber gehandelt, liegt falsch. Eine nicht geringe Zahl rekrutierte sich aus dem Landadel des Nordens. Gödeke Michels, Klaus Störtebeker, Henning Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold sind nur ein paar namhafte Persönlichkeiten, die als Anführer auftraten. Zusammen mit nichtadeligen Piraten bildeten sie sogenannte Bruderschaften.

Die Vitalienbrüder operierten so gut wie immer in Kooperation mit Territorialherrschern. Sie waren sowohl im Auftrag von Mecklenburg als auch Dänemarks tätig. Im Nordseeraum arbeiteten sie vor allem mit den ostfriesischen Häuptlingen zusammen, die ebenfalls Piraterie betrieben.

Es liegt nahe, dass die Piraten immer wieder in Kontakt mit den Kaufleuten der Hanse kamen. Diese setzte zwar selbst immer mal wieder auf den Dienst der Seeräuber. Da jedoch immer mehr Schiffe der Hanse Opfer von Überfällen wurden wuchs mehr und mehr der Wunsch, dem Treiben der Piraten ein Ende zu setzen. Die Hanse setzte zu diesem Zweck immer wieder Friedensschiffe ein. Diese waren allerdings teuer, ihre Zahl dementsprechend klein. So blieb die Situation erst einmal, wie sie war.

Das Ende der Vitalienbrüder

Nur ein entschlossenes Vorgehen konnte der Piratenplage ein Ende bereiten. Dies war bekannt, doch musste erst der Leidensdruck hoch genug werden. Gotland, seit Ende des 14. Jahrhunderts eine reine Seeräuber-Insel, wurde 1398 durch eine Flotte des Deutschen Ordens eingenommen. Die Hanse übte unterdessen Druck auf die Ostfriesen aus, die schließlich ihre Unterstützung der Vitalienbrüder einstellten. Die Kaufleute rangen sich nun endlich dazu durch, eine Flotte auszurüsten. Diese stach von Lübeck aus in See und besiegte die Seeräuber auf der Osterems. Einige Anführer konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt und getötet oder gefangen genommen. Am Leben gelassen wurde letztlich keiner der gefangenen Piraten. Die Städte wollten ein Exempel statuieren. Genutzt hat es freilich nichts. Auch nach dem Ende der Vitalienbrüder kam es immer wieder zu Überfällen auf Handelsschiffe.

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Klaus Störtebeker wird 1401 als Gefangener nach Hamburg gebracht. Nach einem Holzstich von Karl Gehrts (1877).

Die Ursachen der Piraterie

Die einen besitzen viel, die anderen wenig oder nichts. Wurde die Armut immer drängender, weckten offen zur Schau gestellter Reichtum und reiche Handelsverbindungen schon im Mittelalter Begehrlichkeiten. Dabei war es unerheblich, ob ein Seeräuber von adliger Abstammung war oder nicht. Ähnlich den Raubrittern zu Land sahen verarmte Adlige in der Piraterie eine Möglichkeit, mit Hilfe ihrer von Kindesbeinen an erlernten Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Eben diese Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie die Raubzüge anführten und zur Anlaufstelle auch für viele Nichtadelige wurden, die ansonsten verhungert wären. So erklärt sich auch, warum aller Einsatz der Städte und Staaten nicht dazu führte, dass die Piraten restlos verschwanden. Es war zudem nicht besonders hilfreich, dass immer wieder Kaperbriefe vergeben wurden. All dies sollte nicht nur kein Ende finden, sondern sich viele Jahrhunderte fortsetzen – auf allen Meeren der Welt.

Liebe und Lust im Mittelalter

Zwei Themen, die auf den ersten Blick eher in eine sehr bekannte Fernsehserie zu passen scheinen als in das prüde und gottesfürchtige Mittelalter. So scheint es zumindest auf den ersten Blick. Doch lebten auch im Mittelalter „ganz normale“ Menschen. Dürfen wir einem großen Teil der höfischen und theologischen Literatur also uneingeschränkt Glauben schenken?

Das höfische Ideal

Andauernde Verehrung und immer neue Annäherungsversuche, um dann doch nicht zum Zug zu kommen – so sah das Ideal in der höfischen Dichtung aus, zu sehen beispielsweise in der Manessischen Liederhandschrift. Selbst Demütigungen sollte der Verehrer geduldig hinnehmen. Er sollte dabei stets gepflegt und gut gekleidet auftreten. Es ging dabei vornehmlich um Selbstbeherrschung und Disziplin, beides unverzichtbare Eigenschaften für den Stand, der die Führungsrolle in der Gesellschaft beanspruchte.1

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„Von Obernburg“, Miniatur im Codex Manesse, fol. 342v

Dass es sich hierbei nicht um die Wirklichkeit handelte, muss sicher nicht gesondert hervorgehoben werden. Das Ideal lässt aber Rückschlüsse darauf zu, wie es in der Wirklichkeit ausgesehen hat. Gerade die sehr übersteigerte Darstellung die Selbstbeherrschung und des gepflegten Auftretens lässt hinsichtlich der wahren Verhältnisse einiges erahnen.

Lehnte die Kirche Liebe und Lust kategorisch ab?

Die römische Kirche vertrat gegenüber dem Liebesspiel, selbst dem verheirateter Paare, in der Tat eine ablehnende Haltung. Mal abgesehen davon, dass der Mann in der Liebesnacht den Manipulationsversuchen der Frau hilflos ausgeliefert sei galt die Sexualität als die allererste Sünde, die aus der Vertreibung aus dem Paradies resultierte.2

Doch gab es auch andere Stimmen:

„Die Überfülle der Erfreuung, die im Liebesvollzug gemäß seiner rechten Hinordnung ist, widerspricht nicht der Mitte der Tugend.“3 – Thomas von Aquin (1225 – 1274)

„Die Freude des Koitus ist nicht in sich lasterhaft, sondern natürlich und von Gott eingesetzt.“4 – Dionysius der Kartäuser (1403 – 1471)

Laut einigen Geistlichen war also Sexualität innerhalb der Ehe nicht zwangsläufig sündhaft.

Lust und Risiko

Doch selbst wenn es innerhalb der Geistlichkeit Stimmen gab, die dem Ausleben der Lust innerhalb der Ehe immerhin positive Aspekte abgewinnen konnten, Sex außerhalb der Ehe war ein ganz anderes Kapitel. Es gab ihn, doch waren damit stets Risiken verbunden – vor allem für die Frauen. Verhütungsmittel gab es zwar in Form von Salben, Tampons u.ä., aber wirklich zuverlässig wirkten diese nicht. Dasselbe lässt sich über die damals üblichen Abtreibungsmethoden sagen, die zudem nicht ungefährlich waren. Häufig wurden zu diesem Zweck pflanzliche Mittel verwendet. Schwangerschaften waren im Mittelalter stets riskant, doch eine außereheliche Schwangerschaft brachte weitere Probleme mit sich. Nicht selten starb die Mutter aufgrund von Komplikationen bei der Geburt des Kindes. Wenn sie überlebte, hatte es eine alleinstehende Mutter nicht leicht. Wirklich anerkannt wurde sie nirgends, häufig sogar verstoßen.5

Gleichgeschlechtliche Liebe

Homosexualität war auch im Mittelalter nichts neues, wohl aber die gesellschaftliche Reaktion darauf. Während sie in der Antike noch akzeptiert war und offen ausgelebt werden konnte, wurde sie im Mittelalter mit Auspeitschen, Verbannung oder gar Verbrennung bestraft. Verantwortlich für diese Sichtweise war vor allem die Kirche, die gleichgeschlechtliche Liebe als eine Form der Ketzerei betrachtete. Der Straftatbestand wurde als Sodomie definiert, basierend auf den biblischen Geschichten über die sündhafte Stadt Sodom. Berühmtestes Beispiel für den Vorwurf der Sodomie mit anschließendem Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist der Prozess gegen die Templer Anfang des 14. Jahrhunderts.

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Templer auf dem Scheiterhaufen; Illustration, anonyme Chronik, „Von der Schöpfung der Welt bis 1384″

Prostitution

Das älteste Gewerbe der Welt war auch im Mittelalter fast überall vertreten. Es handelte sich zwar nicht um einen besonders angesehenen Beruf, doch gab es reichlich Dirnen und die Nachfrage nach ihren Diensten war enorm. Es gab in so gut wie jeder Stadt Bordelle (damals Frauenhäuser genannt). Darüber hinaus boten auch „wilde“ Dirnen illegal ihre Dienste an, vor allem in Wirtshäusern und Badestuben. Geschlechtskrankheiten spielten übrigens noch keine bedeutende Rolle. Die Syphilis wurde beispielsweise erst von den Seeleuten des Kolumbus am Ende des 15. Jahrhunderts aus der Karibik eingeschleppt. Die Prostitution wurde von den Autoritäten durchaus geduldet. Es herrschte die Meinung vor, dass die Männer sich weniger an „ehrbaren“ Frauen vergehen würden, wenn sie ihre Triebe auf diese Art befriedigen konnten. So tolerierten sowohl die Kirche als auch die jeweiligen Herrscher die Anwesenheit der Dirnen. An Sonntagen oder während der Fastenzeit mussten allerdings alle Prostituierten die Stadt verlassen.6

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Monogrammist (Braunschweiger), 2. Viertel 16. Jahrhundert. Bordellszene. Öl/Eichenholz, 32,7 x 45,5 cm. Frankfurt, Städelsch. Kunstinstitut

Dirnen verdingten sich nicht nur in den Städten selbst, sondern auch an den Höfen der Adligen. Hier gab es darüber hinaus häufiger den Fall, dass Adlige außereheliche Verhältnisse mit Frauen eingingen, die beispielsweise als Bedienstete tätig waren.

Das Mittelalter – alles andere als prüde und nicht immer romantisch

Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, in der das Leben meist kurz und hart war, Bedürfnisse trotz aller Verbote und Richtlinien möglichst ausgelebt wurden. Adel und Klerus waren sich dessen nicht nur bewusst, sie waren selbst Teil dieser Lebenswelt und gingen öffentlich Kompromisse ein, wo sie sie als sinnvoll erachteten. Es gab durchaus wahre Liebe, ausgelebte Lust, treusorgende Ehemänner und edle Frauen. Gleichzeitig gilt es im Hinblick auf das im Mittelalter vorherrschende Frauenbild zu beachten, dass Männer ihnen in der Regel rechtlich übergeordnet waren. Dazu kamen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Menschen bisweilen keine andere Möglichkeit hatten, als den Wünschen ihrer Herren zu entsprechen. Es kam immer wieder zu Übergriffen, die meist nur schwer nachgewiesen und nur selten geahndet werden konnten- sofern sie dem Gesetz nach überhaupt als illegal eingestuft wurden. Auch der Umgang mit Homosexuellen erscheint (nicht nur) aus heutiger Sicht schrecklich.

1Vgl. Wand-Wittkowski, Christine (2016). S. 11-12.

2Vgl. Ebd. S. 15-16.

3cf. Ebd. S. 16.

4cf. Ebd.

5Vgl. Ebd. S. 22-23.

6Vgl. Ebd. S. 26-29.

Literatur: Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Buchvorstellung: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter

9783849811525Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Umrankt von Mythen, Legenden und in zahlreichen Filmproduktionen fantasievoll ausgeschmückt stellt das Leben an den Höfen des Mittelalters seit jeher einen wesentlichen Aspekt der Beschäftigung mit der Epoche dar. Ob Prinzessin, Burgfräulein oder tapferer Ritter – an Stereotypen mangelt es in dieser Hinsicht wirklich nicht. Christine Wand-Wittkowski widmet sich in ihrem neuesten Buch diesem Thema auf der Grundlage eines bemerkenswert umfangreichen Fundus zeitgenössischer Quellen.

Thematisch deckt die Autorin so ziemlich jeden Aspekt des höfischen Lebens ab. Liebe, Leidenschaft, Mode, Bildung und Dichtung, aber auch Intrigen, Prostitution, Gier und niedere Gelüste werden im Detail behandelt. Der dichterischen Idealvorstellung entsprach die höfische Gesellschaft eben gerade nicht, genauso wenig wie sie aber jederzeit die höllische Schlangengrube gewesen wäre, als die sie in einer aktuellen Fernsehserie dargestellt wird. Apropos höllisch: Die Rolle der Kirche wird ebenfalls ausführlich behandelt. Und diese war durchaus gespalten, wenn es beispielsweise um die Frage der Liebe und die Ausübung der ehelichen Pflichten ging.

Interessant ist insbesondere, dass sich die Autorin neben den bereits im Mittelalter existierenden Idealvorstellungen über das Leben am Hof mit der persönlichen Wirklichkeit der mittelalterlichen Menschen befasst. Wie sah die Realität aus? Wie fühlten und benahmen sich die Adligen des Mittelalters? Aufschluss darüber geben die zahlreichen Briefe und persönliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit, die die Autorin den Idealen aus der Dichtung gegenüberstellt. Die Ergebnisse sind durchaus erhellend. Wer würde gerade vom englischen König Heinrich VIII. erwarten, dass er seinen Frauen tausende Liebesbriefe schrieb, um so dem Ideal des leidenden Liebhabers gerecht zu werden? Wer hätte gedacht, dass die Adligen anscheinend sogar Bauern ob ihres zwanglosen gesellschaftlichen Lebens beneideten? Diese interessanten Anekdoten (und noch viele mehr) lassen die Lektüre sehr kurzweilig werden und sorgen immer wieder für Aha-Erlebnisse.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der einen Einstieg in die faszinierende Welt höfischer Vorstellungs- und Lebenswelten sucht. Das Buch nimmt den Leser mit in eine Welt, die ebenso faszinierend wie fremdartig anmutet und gleichzeitig die Grundlage für das gehobene gesellschaftliche Leben in den nachfolgenden Jahrhunderten legte. Es ist dabei jederzeit sehr angenehm und unterhaltsam zu lesen und bietet dank seiner umfangreichen Literaturliste zahlreiche Möglichkeiten, tiefer in die Materie einzutauchen.